Österreichs vielgestaltige Moderne als neue Leopold-Schau

Es dämmert im Leopold Museum - nicht in dem Sinne, dass die Wiener Institution angesichts der Coronapandemie in einen Dämmerschlaf verfiele. Im Gegenteil. Unter dem ambivalenten Begriff der „Menschheitsdämmerung“ hat Direktor Hans-Peter Wipplinger als Kurator einen Rundblick auf die malerischen Entwicklungen der Zwischenkriegszeit geworfen. Herausgekommen ist ein Kompendium kleiner Personalen, das anhand von elf Künstlern den Stilpluralismus einer Umbruchsphase dokumentiert.

Im wesentlichen besteht die ab dem morgigen Mittwoch geöffnete Schau aus Werken der beiden Leopold-Sammlungen sowie bereits vorhandenen Dauerleihgaben und ist in gewisser Weise als Ergänzung zur Dauerausstellung des Hauses gedacht. „Und es zeigt, wie sehr Rudolf Leopold in die Tiefe gesammelt hat“, umriss Wipplinger im APA-Gespräch das Konzept, die neue Ausstellung nicht nach Gattungen, sondern nach Malern zu hängen.

Somit steht weniger der Vergleich zwischen den Künstlern und ihrem Gestus im Zentrum, sondern der Blick auf die bisweilen alles andere als geradlinig verlaufende Entwicklung der jeweiligen Proponenten. Da findet sich das stilistisch geschlossenere Oeuvre eines Alfons Walde mit seinen ruralen Impressionen unweit eines nach der eigenen Handschrift suchenden Herbert Boeckl oder der Arbeiten des wohlbestallten Hans Böhler, der sich an verschiedenen Stilistiken beinahe bis hin zur Imitation versuchte. Und der Kubismus eines Alfred Wickenburg steht einem Farbexpressionismus von Rudolf Wacker gegenüber und unterstreicht die Vielgesichtigkeit der österreichischen Moderne.

„Der melancholische Blick auf die Welt“ sei ein Roter Faden, der sich durch die verschiedenen Werke ziehe, so Wipplinger. Da verbindet sich bei Walde oder Egger-Lienz die Sehnsucht nach der vermeintlichen Einfachheit des Landes mit Eskapismus und ist doch zugleich auch Ausdruck einer damals initiierten Dezentralisierung der Kunstszene, die nicht mehr ausschließlich auf Wien fokussiert war. Auch sind die Menschendarstellungen der meisten Künstler entindividualisiert - als Zeichen der Skepsis gegenüber einem übersteigerten Ich-Verständnis ebenso lesbar wie als mögliche Vorboten einer dräuenden Massenmobilisierung.

In jedem Falle gehört „Menschheitsdämmerung“ zu den positiven Aspekten einer Pandemie, die die Museen zwingt, sich großteils auf ihre Bestände zu fokussieren und dabei bisweilen Schätze zutage zu fördern, die das Tageslicht schon lange nicht mehr erblickt haben. Die Besuchererwartungen bleiben dennoch reduziert, und so hat das Leopold Museum die Öffnungszeiten auf die aktuelle Situation angepasst und jeweils von Mittwoch bis Sonntag geöffnet. Dabei dürfen maximal 250 Personen gleichzeitig im Haus sein. „Den Break-even würden wir allerdings erst bei 500 Menschen erreichen“, betonte Wipplinger, dass die finanzielle Herausforderung immens sei. Allein im Vorjahr habe man 2,5 Millionen Euro Einsparungen realisieren müssen.

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