Lawinengefahr in Tirol: Zwischen Vernunft und Restrisiko

Fünf Lawinentote innerhalb weniger Tage in Tirol: Das wirft naturgemäß die Frage nach dem Warum auf. Antworten haben Lawinen-Experten parat. Intensive Aufklärung der Jugend ist erforderlich. Und eine Neu-Interpretation des Lawinenwarnstufen-Dreiers.

Symbolbild.
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Von Matthias Christler und Irene Rapp

Vielleicht liegt ein Grund in der heutigen schnelllebigen Zeit. In der Fast-Food-Mentalität. Denn ja, zahlreiche Wintersportler – ob Skitourengeher oder Freerider – sind bestens ausgerüs­tet. Viele gut ausgebildet. Doch dann wird nur ein rascher Blick auf den Lawinenlagebericht geworfen. Ski angezogen, raus auf den Berg. Und dann in hoffentlich Bestzeit auf den Gipfel.

Du musst zuerst den Hang lesen. Das hat mir ein alter Bergführer in Sachen Skitouren mitgegeben.
Anton Mattle, Bergretter

„Du musst immer zuerst den Hang lesen. Das hat mir einmal ein alter Bergführer gesagt. Und dass Skitourengehen die höchste Liga des Bergsteigens ist“, erzählt Toni Mattle, Bürgermeister von Galtür sowie stellvertretender Landesleiter der Bergrettung Tirol. Oder anders ausgedrückt: Es braucht alles seine Zeit. Nicht nur die Planung einer Skitour.

„Aus Untersuchungen weiß man allerdings, dass sich viele Wintersportler mit dem Lawinenlagebericht nur kurz beschäftigen“, sagt Thomas Wanner, Bergführer und beim Österreichischen Alpenverein für die Ausbildung der Tourenführer zuständig.

Doch nicht nur die Zeilen des Lagebericht werden überflogen: Man hat einen Lawinenairbag am Rücken, aber die Bedienungsanleitung ist ungelesen beim Altpapier gelandet. Also weiß der Lawinenairbag-Besitzer nicht, dass er ähnlich wie bei den Batterien des LVS-Geräts einmal vor der Saison die Gas-Kartusche zum Auslösen des Airbags prüfen soll. „Die Sys­teme sind alle sehr unterschiedlich. Wir vom Kuratorium empfehlen ganz klar, dass man vor Saisonbeginn den Lawinenairbag auslösen soll“, sagt Peter Plattner vom Österreichischen Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS).

Für alle interessierten Wintersportler gibt es genügend Ausbildungsangebote.
Thomas Wanner, Österreichischer Alpenverein

An Zeit für ein umsichtiges Verhalten fehlt es dann oft auch am Berg. Da wird stur einer bereits angelegten Spur gefolgt, obwohl diese in einen steilen Hang führt.

Oder kein Schneeprofil gemacht. Obwohl das im heurigen Winter mit einem labilen Schneedeckenaufbau wertvolle Rückschlüsse liefern würde. Doch der Reihe nach.

Die Sache mit der Schneedecke

Ende Jänner, Anfang Februar sterben innerhalb weniger Tage fünf Menschen in Tirol unter Lawinen: zwei im Sellraintal am Sömen, einer im Bereich des Kellerjochs in Schwaz, einer in der Axamer Lizum, einer im Kühtai abseits der gesicherten Piste. Und vor allem der Fall des 16-jährigen verstorbenen Schülers im Kühtai sorgt für große Betroffenheit.

Zahl der Lawinentoten

Im Schnitt der letzten zehn Jahre starben jährlich 18 Menschen in Österreich unter einer Lawine. Die meisten tödlichen Unfälle passieren in Tirol. Trotz steigender Zahl von Skitourengehern ist die Zahl der Lawinentoten nicht steigend.

„Die Situation heuer ist außergewöhnlich. Denn der Schneedeckenaufbau ist schwach. Unten befindet sich eine Schwimmschnee-Schicht, darauf hat es wieder geschneit. Das perfekte Schneebrett“, sagt Wanner. Die Situation während der letzten zwei Winter sei deutlich stabiler gewesen. Heuer seien jedoch sogar Fernauslösungen möglich. Sprich: Man ist im flachen Gelände unterwegs, könne aber trotzdem durch die Störung der Schwachschicht Lawinen auslösen. „Der Mensch gewöhnt sich an bestimmte Situationen. Die letzten beiden Winter war es nicht so gefährlich, heuer muss man zurückhaltender unterwegs sein. Das ist für den Wintersportler schwierig, da man die Gefahr an der Oberfläche nicht wahrnimmt“, sagt Wanner.

Die Zahl der Skitourengeher steigt seit Jahren und diesen Winter sind manche Routen regelrecht überlaufen.
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Wie es um den Schneedeckenaufbau in einem bestimmten Gebiet bestellt ist, könne die Erstellung eines Schneeprofils zeigen. Dann sehe man schwarz auf weiß, auf welchen Schichten man sich bewegt. „Das dauert, wenn man es ausführlich macht, eine halbe Stunde“, weiß Mattle. Wenn mehrere Wintersportler gemeinsam schaufeln, noch kürzer.

Aber da ist auch noch die Sache mit dem Dreier. Genau gesagt mit der Lawinenwarnstufe 3, bei der die meisten Lawinenunfälle passieren. „Der Dreier ist verführerisch“, sagt Mattle. „Der Dreier wird von vielen Wintersportlern nicht richtig gedeutet und falsch wahrgenommen“, glaubt Wanner.

Ein Anstieg der Lawinenwarnstufe von 2 auf 3 bedeute nämlich eine exponentielle Steigerung. „Die Gefahr verdoppelt sich“, erklärt Wanner. Ein Punkt, der möglicherweise bei Lawinenkursen noch deutlicher gemacht werden müsse. Der Warnstufen-Dreier sei auch kein „befriedigender“ Schulnoten-Dreier. „Und der Lawinenlagebericht gehört genau gelesen. Ist die Rede von einer schwachen oder einer angespannten Lawinenwarnstufe 3?“, sagt Mattle.

Ein Lawinenlagebericht für ganz Österreich

Der Österreichische Alpenverein unterstützt die Forderung von IFALP (Initiative für eine alpenweite einheitliche Lawinenprognose) nach einem Lawinenlagebericht für ganz Österreich. Derzeit werden nämlich in Vorarlberg, Tirol und den östlichen Bundesländern jeden Tag in der Winterperiode eigene Lawinenlageberichte veröffentlicht. In Tirol gibt es dafür auf lawine.report einen einheitlichen Lagebericht für die Euregio-Region (Tirol, Südtirol und das Trentino).

Vorfreude und Vorbildwirkung

Die Vorfreude auf einen Pulver-Hang verschleiert jedoch oft den Blick auf die Gefahr. Das gilt für ältere, erfahrene Skitourengeher genauso wie für junge Freerider, bei denen ein zusätzlicher Faktor das Risikoverhalten beeinflusst – und zwar die Vorbilder, einerseits die Eltern, andererseits die aus den sozialen Medien.

Lucky Rauscher vom Verein zur Information über alpine Gefahren, der die SAAC-Lawinencamps veranstaltet, kann das bestätigen. Er hat viel Kontakt mit Kindern von Eltern, die zur ersten „Freeride-Generation“ gehört haben. „Wenn die Eltern sehr agil in diesem Bereich sind, wollen die Kinder auch immer früher hinausfahren.“

In diesem Alter, mit 14, 15 Jahren, eifern viele begeisterte Skifahrer und Snowboarder den Profis nach, die z. B. auf der Freeride-World-Tour unterwegs sind. „Da wird viel auf Social-Media gepostet, was nicht wirklich eine Vorbildwirkung haben sollte. Die jungen Leute sehen die tollen Aufnahmen und gieren danach, rauszufahren ins freie Gelände“, sagt Rauscher. Für ihn wäre es daher vorstellbar, dass bei Freeride-Videos von Profis jedes Mal ein Gefahrenhinweis eingeblendet wird, wie z. B., dass man beim Nachmachen auf die lokalen Lawinenverhältnisse achten soll.

Mit einem Schneeprofil bekommt man einen Einblick in die Lawinengefahr vor Ort.
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Der Versuchung widerstehen

Inzwischen versucht SAAC, das seit 23 Jahren Lawinencamps veranstaltet, selbst vermehrt in den sozialen Medien dagegenzuhalten. Online werden Videos gepos­tet und im Corona-Winter bietet man Lawinenkurse via Zoom an.

Einer davon wurde nach dem Lawinenunglück des 16-jährigen Schülers spontan in seinem Gymnasium organisiert. 400 Schüler, auch von anderen Schulen, nahmen daran teil: „Das Interesse war enorm, wir haben gemerkt, wie die Kinder gebannt vor den Computern gesessen sind. Es laufen jetzt Gespräche, dass wir Ähnliches vor jeder Saison machen“, kündigt Rauscher an.

Insgesamt wurden bei SAAC-Lawinencamps in den vergangenen mehr als 20 Jahren bereits 26.000 Wintersportler über die Gefahren im Gelände und die Notfallausrüstung aufgeklärt. Ähnliches bieten der Alpenverein und die xhow-Schulungen (ehemals Snowhow) an. Wohl auch wegen solcher Informationskampagnen halten sich die Unglückszahlen in Grenzen. „Es sind zehnmal so viele Leute im freien Skiraum unterwegs wie vor 20, 25 Jahren. Es passiert aber in etwa gleich viel wie damals“, schätzt Rauscher.

Es sind zehnmal so viele Leute im freien Skiraum unterwegs wie vor 20, 25 Jahren. Es passiert aber in etwa gleich viel.
Lucky Rauscher, Snow + Alpine Awareness Camps SAAC

Doch jeder Tote ist einer zu viel. Und der droht u.a., wenn man ein wenig außerhalb des gesicherten Skigebiets Powder genießen will. Für Wintersportler, die die gesicherten Pisten verlassen und in gesperrte Bereiche einfahren, hat Toni Mattle kein Verständnis.

Seit Jahren setzt er sich in seiner Eigenschaft als Landtagsabgeordneter (VP) dafür ein, dass solch fahrlässiges Verhalten bestraft werden kann. Inzwischen steht bereits fest: Eine derartige Regelung müsste in der Gemeindeordnung verankert sein, würde auf eine Verwaltungsstrafe hinauslaufen und müsste von Gemeindewachkörpern exekutiert werden.

Das Risiko minimieren

Das Risiko einer Strafe ist aber nichts gegen das Risiko, verschüttet zu werden. Mit einem Lawinenairbag versuchen Wintersportler, eine Verschüttung zu überleben. Bei dem Lawinenabgang im Sellrain mit zwei Todesopfern fanden die Suchmannschaften einen geöffneten Lawinenairbag, lebensrettend war er bei diesem Unglück nicht. Peter Platter verweist auf eine anerkannte Studie von Pascal Haegeli: „Diese tiefergehende Analyse hat gezeigt, dass die Airbags nicht so gut funktionieren, wie es viele Hersteller versuchen zu verkaufen.“ Dennoch: Die Sterblichkeit werde laut der Studie um elf Prozent reduziert (siehe Fakten unten).

Vor 35 Jahren kam der erste Lawinenrucksack von ABS auf den Markt. Seit Kurzem investiert Ex-Slalomstar Felix Neureuther in das Unternehmen.

In der Studie wird auch aufgezeigt, dass bei 61 von 307 Lawinenabgängen der vorhandene Airbag nicht ausgelöst wurde. Das heißt, in jedem fünften Notfall.

Bei zwölf Prozent wurde der Airbag während des Lawinenabgangs zerstört, bei 17 Prozent lag ein Gerätefehler vor und bei wieder 12 Prozent war es ein Wartungsfehler, etwa weil die Gas-Kartusche nicht richtig eingesetzt oder schlicht leer war.

Bei 60 Prozent allerdings konnte der Wintersportler den Airbag einfach nicht auslösen. „Wie bei der Wartung der Gas-Kartuschen muss man sich vor der Saison mit dem System immer wieder beschäftigen. Der Griff, um den Airbag auszulösen, sollte auf einen selbst eingestellt werden, damit man ihn in der Notsituation gleich findet“, sagt Platter. Er und seine Kollegen als Bergführer würden immer wieder sehen, dass die Griffe irgendwo herumschwirren. „Aber auch beim LVS-Gerät und den Schaufeln spielen sich immer wieder kleine Dramen ab, wenn man sie mal wirklich braucht.“

Es ist ein harter Satz, doch intelligente Produkte wie ein Lawinenairbag brauchen intelligente Anwender.
Peter Plattner, Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit

Beim Lawinenairbag sei die Benutzung allerdings noch einmal heikler, weil er gut gewartet sein muss, bequem am Rücken sitzen soll und im Notfall direkt in einer absoluten Stresssituation benutzt werden muss. „Es klingt hart, aber intelligente Produkte wie der Lawinenairbag brauchen auch intelligente Anwender“, sagt Plattner. Eine 100-prozentige Sicherheit kann aber auch die beste Ausrüstung nicht garantieren.

Wie viel ein Lawinenairbag tatsächlich bringt

Die Hersteller preisen Lawinenairbags oft als Ausrüstung an, die das Todesrisiko stark reduziert – von bis zu 97 Prozent Überlebenschance ist die Rede. Dem widerspricht eine anerkannte Studie von Pascal Haegeli, der sich auf die Analyse großer Lawinen konzentriert hat. Bei kritischen Verschüttungen sterben ohne Airbag 22 Personen, mit aufgeblasenem Airbag 11 Personen. Von jenen Personen mit Lawinenairbag schafft es übrigens jeder Fünfte im Notfall nicht, den Airbag auszulösen.

📽️ | Zum Nachschauen: Das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit hat für das vergangene Alpinforum in einem Video verschiedene Airbags verglichen.

Natur lässt sich nicht planen

Vielleicht ist so mancher Lawinen-Tote auch auf die Vollkasko-Gesellschaft zurückzuführen, die gegen alle Risiken des Lebens abgesichert sein will. „Beim Skitourengehen geht es jedoch auch um die Eigenverantwortung“, sagt Mattle. Für die Lawinenbeurteilung gäbe es heutzutage viele Instrumentarien, die Experten und Laien zur Verfügung stehen. „Doch das theoretische Wissen ist nur ein Teil, das praktische Wissen muss man sich erarbeiten – und das bedeutet viele Aufenthalte in der Natur“, so Mattle.

Als Bergretter, der bei zahlreichen Einsätzen mit dabei war, weiß er aber auch, dass trotz aller Vorbereitung, trotz aller gesetzten Maßnahmen am Berg immer ein Restrisiko herrsche.

„Die Natur kann man nicht zu 100 Prozent planen“, bringt es Mattle auf den Punkt.


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