Fotoausstellung in der Albertina: Revolutionäre „Faces“

So viele unverhüllte Gesichter ist man nicht mehr gewohnt: In Zeiten der verordneten Masken stellt die Albertina das fotografierte Gesicht in den Mittelpunkt einer Ausstellung. „Faces“ beschäftigt sich mit Porträts der Zwischenkriegszeit. Im Mittelpunkt steht Helmar Lerskis Fotoserie „Verwandlungen durch Licht“ (1935/36), in der ästhetische Überlegungen das Verständnis der Porträtfotografie revolutionierten. Ab Freitag ist die von Walter Moser kuratierte Schau zugänglich.

In den 1920er- und 30er-Jahren setzte sich die Vorstellung vom Gesicht als inszenierbares Material in der Fotografie durch. Dabei wurde nicht nur mit neuer Formensprache experimentiert, sondern schlug auch der gesellschaftliche Wandel durch: das sich verändernde Verhältnis vom Einzelnen zum Kollektiv, von Mann und Frau oder die Hinterfragung von Rollenzuschreibungen spiegelte sich auch in den fotografierten Gesichtern wider. „In der Zwischenkriegszeit wird der Zugang zum Porträt radikal erneuert“, erklärte Moser heute bei einem Rundgang mit der APA. „Das Gesicht wird zur Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Dinge. Es geht nicht mehr um das Modell, sondern um die künstlerische Vision.“

Drei Jahre hat Moser die Ausstellung, die auf die Bestände der Albertina, aber auch auf viele Leihgaben zurückgreift, vorbereitet. Vor allem das Museum Folkwang in Essen hat viele Exponate beigesteuert, ruht dort doch der künstlerische Nachlass des Schweizers Helmar Lerski (1871-1956). Er arbeitete in den 20er-Jahren als Kameramann und Fotograf in Berlin u.a. an Filmproduktionen von Fritz Lang und Arnold Fanck mit und machte sich als Porträtfotograf einen Namen. „Fotografie dieser Zeit kann man ohne Film nicht verstehen“, so Moser. Deswegen gibt es neben 154 Fotografien auch sieben Filmclips in der Ausstellung, die in fünf Kapitel gegliedert ist: „Rollenspiele“, „Verwandlungen durch Licht“, „Großaufnahmen“, „Der Mensch zwischen Individuum und Typ“ sowie „Das Volksgesicht“. Hier trifft die Arbeit Lerskis, der sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten dazu entschloss, von einer Israel-Reise nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren, u.a. auf jene von Leni Riefenstahl. „Araber und Juden“ gegen „Triumph des Willens“. Links wie Rechts verstanden es, die Errungenschaften der Avantgarde für ihre Zwecke einzusetzen.

Zwei eindrucksvolle Serien bilden das Zentrum der bis 24. Mai geöffneten und von einem Katalog begleiteten Ausstellung, in die neben deutschen auch österreichische Fotoarbeiten der Zwischenkriegszeit einbezogen sind. Rund 40 Beispiele aus der auf einer Dachterrasse in Tel Aviv entstandenen 137-teiligen Serie „Verwandlungen durch Licht“, dem Opus magnum Lerskis, belegen seine stupende Fähigkeit, ein und dasselbe Modell durch unterschiedlichen Lichteinsatz gänzlich anders wirken zu lassen. Die dramatisch inszenierten Porträts mit großer Tiefenwirkung wecken Erinnerungen an Franz Xaver Messerschmidts „Köpfe“, aber auch an gotische Skulpturen und Totenmasken. Als Gegenpol kann August Sanders auf 540 Fotos angelegtes Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ gesehen werden, der Versuch einer Dokumentation eines gesellschaftlichen Querschnitts der Weimarer Republik, von dem letztlich nur das 60 Fotos umfassende Buch „Antlitz der Zeit“ (1929) realisiert werden konnte.

Daneben sind mit u.a. Gertrud Arndt, Marta Astfalck-Vietz, Irene Bayer, Trude Fleischmann, Lucia Moholy oder Elfriede Stegemeyer ungewöhnlich viele Fotografinnen vertreten. Auch ein Ausdruck einer Zeit, in der sich vieles radikal wandelte. Und in der man einander ungeschützt das Gesicht zeigen durfte.

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