„Der Zweite Jakob“ von Norbert Gstrein: Roman an der Grenze

Zu den lästigen Alterserscheinungen des Prominentseins zählt das ungefragte Auftauchen von Biografen: ein Leben als Story, mit Plot Twists, roten Fäden und psychologischen Mustern will erzählt sein. So passiert es auch jenem bekannten Schauspieler, den Norbert Gstrein in seinem neuen Roman „Der zweite Jakob“ zum Protagonisten seiner Lebensbeichte macht. Mit dem Biografen kommt es letztlich zu einer Prügelszene. Aber auch die eigenen Erinnerungen leiten in die Untiefe.

Gstrein, für sein jüngstes Buch „Als ich jung war“ 2019 mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet, ist ein Advokat des genau Hinsehens und darin erst recht nicht deutlich Erkennens. Klare Konturen für Fragen der Moral, der Identität oder der Ehrlichkeit interessieren ihn nicht. Und so bleibt dieser „Zweite Jakob“, benannt nach seinem eigenbrötlerischen Onkel und trotz seiner Erfolge gefühlt eben immer nur der zweite, auch nach 445 Seiten seiner Lebenserinnerungen ein fremder Autobiograf. Einer, dessen Promi-Lack zwar schnell Risse bekommt, der dennoch wenig Sympathien gewinnt: Zu schnell entpuppen sich scheinbare Selbstzweifel als dünn getarnte Selbstgefälligkeit.

Er ist der große Fisch im kleinen Teich: ein Schauspieler, der in US-Filmen mitgewirkt, seinen Lebensmittelpunkt aber in Innsbruck belassen hat, eine lokale Größe, dessen Abschätzigkeit für das Lokale zu seiner Marke gehört. Die kaum erwachsene Tochter, sein Ein und Alles und in ihrer überbordenden Verletzlichkeit zugleich eine andauernde Quelle von Sorge, zwingt ihn wieder und wieder, mit sich ins Gericht zu gehen. Mal unfreiwillig, durch ihre Neigung zur Selbstverletzung, mal ganz direkt: rund um die Entstehung seiner verhassten Biografie fragt sie ihn nach dem Schlimmsten, das er je getan hat.

Die Erinnerungen an einen Filmdreh in den USA, bei dem Gewalt und Ausbeutung von Frauen an der US-mexikanischen Grenze in verschiedener Weise über die Ränder der Leinwand ins echte Leben getreten sind, suchen Jakob nach Jahrzehnten heim und bilden als Zoom auf wenige Wochen den zentralen Teil des Romans. Immer wieder - auch damals in Texas - hat Jakob Frauenmörder gespielt, immer wieder sieht er sich genötigt, dem Echo dieser Rollen zu entfliehen und den Bildern, die andere von ihm haben, ein Schnippchen zu schlagen. Meist, indem er sie - trotzig - zu erfüllen scheint.

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Das Spiel mit Selbst- und Fremdwahrnehmung, mit Introspektion und Illusion, mit Persönlichkeit und Persona ist umso attraktiver, je mehr Jakob darin die Kontrolle verliert. „Wenn es Scham war, dann eine Scham, die sich auf jede Lebensäußerung bezog, sobald sie registriert wurde. Dass jemand etwas über mich sagen konnte, und sei es das Beste, war das Problem, und nicht etwa, dass dieser Jemand nicht dazu befugt gewesen wäre oder vielleicht ein Dummkopf war.“ Die Kreise, die Jakob um sich selbst dreht, werden zunehmend enger, die Ehrungen, die sich zu seinem runden Geburtstag anbahnen, versprechen, zur Groteske zu werden.

Abseits des geschickt konstruierten Spiegelkabinetts legt Gstrein, selbst ein in Hamburg lebender Tiroler, in „Der zweite Jakob“ aber auch einige Themen der Zeit auf den Verhandlungstisch - allerdings ohne dabei über Allgemeinplätze hinauszukommen: Machismo in unterschiedlichsten Ausprägungen, sei es von mexikanischen Bandenbossen, von Schürzenjägern in der Midlife Crisis oder von wohlmeinenden Vätern. Das Gezänke mit dem politischen Mainstream und dem Antiamerikanismus der Bush-Jahre, der zum Ende der Trump-Episode spannende Rücklichter wirft. Und nicht zuletzt: das traditionsreiche Nestbeschmutzen, diesmal in den Tiroler Bergen. Dass der Roman dort ausgerechnet auf einer Seilbahn endet, könnte man fast für einen stummen, augenzwinkernden Seitenhieb im Coronajahr halten. Präsentiert wird das Buch heute, Freitag, um 19.30 Uhr via Livestream aus dem Literaturhaus Salzburg.

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