Die Leichen im Keller: „Der zweite Jakob“ von Norbert Gstrein

In Norbert Gstreins neuem Roman „Der zweite Jakob“ sucht ein Schurkendarsteller nach Rechtfertigungen für seine Lebensentscheidungen – und verstrickt sich in Widersprüche.

Norbert Gstrein wird im Juni 2021 60 Jahre alt. Sein Roman „Der zweite Jakob“ erscheint am Montag.
© Oliver Wolf

Innsbruck – Einen Jakob gab es bereits in der Erzählung „Einer“, die Norbert Gstrein 1988 als neue Stimme auf dem Feld der so genannten „Anti-Heimat-Literatur“ beinahe über Nacht berühmt machte. Für seinen neuen Roman hat Gstrein nun einen zweiten Jakob ersonnen. „Der zweite Jakob“ erscheint am kommenden Montag.

Mit dem ersten Jakob teilt sich der zweite nicht zuletzt sein Herkommen. Beide wurden in eine alpin-abgelegene Fremdenverkehrsgesellschaft hineingeboren. Auch Parallelen zwischen Jakob zwei und seinem Autor – Nobert Gstrein ist gebürtiger Ötztaler – lassen sich ausmachen. Beide steuern auf ihren 60. Geburtstag zu. Im Fall von Norbert Gstrein ist es der 3. Juni 2021. In Wahrheit ist dieser Jakob Thurner sogar ein Gstrein. Mit pragmatischem Blick auf eine internationale Schauspiellaufbahn hat er sich zunächst in „Gestirn“ – „des Guten zu viel“ – und schließlich eben in Thurner umbenannt.

Aber mit Wahrheiten, auch das wissen Gstrein-Leserinnen und -Leser seit „Einer“, ist es so eine Sache. Sie liegen im Auge derer, die erzählen; bei denen also, die das, was sie an Zufälligem zusammengetragen haben, sinnstiftend oder wenigstens plausibel zusammenfügen.

Auch davon erzählt Norbert Gstrein in „Der zweite Jakob“: vom – wenn man so will –Misstrauen gegenüber Erzähltem, das in letzter Konsequenz meistens nur bestätigt, was man davor schon zu wissen glaubte.

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Jakob Thurner etwa, der als Darsteller von Frauenmördern in Übersee zu einiger Prominenz gekommen ist und auch als Schurke auf großen deutschen Bühnen reüssierte, hat den Verdacht, dass der Auftragsschreiber, der seine Biografie zusammenzimmern soll, Indizien dafür sucht, dass diese Rollen Rückschlüsse auf das Leben des Schauspielers erlauben. Thurner wehrt sich gegen so viel Klischee. Und bestätigt es trotzdem: Bei einer Probe – ausgerechnet am Tiroler Landestheater – schlägt er den Biografen zusammen. Obwohl der in seinem Manuskript bestenfalls an Oberflächen kratzt. Von der sprichwörtlichen Leiche im Keller des Schauspielers weiß der Biograf nichts. Den tödlichen Unfall, den er einst mitverantwortete, gesteht Thurner nur seiner Tochter Luzie. Und auch ihr gegenüber spart er einiges aus. Die nicht gerade einfache Beziehung zwischen Jakob und Luzie droht am Geständnis trotzdem zu zerbrechen. Kurzum: Die Dinge sind kompliziert. Und „Der zweite Jakob“ ist ein konsequent kompliziertes Buch. Gerade das macht es reizvoll – und aufschlussreich.

Jakob Thurner müht sich, als Ich-Erzähler seiner Geschichte, einer Geschichte, die – wie es an einer Stelle heißt – „eine Biografie vielleicht ersetzen kann“, Rechenschaft abzulegen. Oder anders: Er versucht sich zu rechtfertigen – verstrickt sich dabei aber immer wieder in Widersprüche. Seine Geschichte, seine Version seiner Geschichte, droht zu entgleiten. Er mag, auch bei dem Unfall mit Todesfolge an der mexikanisch-US-amerikanischen Grenze, in guter Absicht gehandelt haben, den ­Konsequenzen seines Handelns weicht er aus. Überhaupt lässt sich Thurners Selbstwahrnehmung mit dem, was er tut, kaum in Einklang bringen. Er ätzt über den übersensiblen Stanislawski-Schamanismus mancher Kollegen – und ringt vor laufender Kamera mit der eigenen Empfindsamkeit. Er schimpft die Bewohner seiner hochalpinen Herkunftsheimat „Faschisten“ – und bringt, einmal darauf angesprochen, nur ein zerknirschtes „Es war nicht so gemeint“ als Erklärung an. Er verachtet einen schmierigen Millionär dafür, dass dieser sich mit dekorativen Starlets schmückt – und lässt sich vom selben Millionär auf eine Vergnügungsfahrt durch die mexikanische Grenzstadt Juárez, die schon Roberto Bolaño in „2666“ durchaus authentisch als Hölle auf Erden inszenierte, einladen.

Jakob Thurner will sich erklären, sich und denen, die seine Niederschrift, in der er aufschreibt, was er nie jemandem erzählen wollte, einmal lesen sollen, erklären, wer er ist. Norbert Gstrein führt vor, dass (auto-)biografische Eindeutigkeit eine Illusion ist. Er führt in seinem sprachlich fein gearbeiteten, an vorder- und hintergründigen Anspielungen, auf William Faulkner zum Beispiel, reichen Roman schonungslos nah an seinen zweiten Jakob heran. So nah, dass sich alles Außergewöhnliche, das Jakob für sich und seine Geschichte beansprucht, verliert. Gerade das macht „Der zweite Jakob“ zu einem außergewöhnlichen Roman. (jole)

Roman Norbert Gstrein: Der zweite Jakob. Hanser, 445 S., 25,70 Euro.


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