Naturpark Karwendel: Nutzerdruck nimmt weiter zu

Der Naturpark Karwendel will heuer verstärkt bei der Besucherlenkung in der Natur ansetzen. Zu den Highlights zählt eine große Artenschutzstudie, die in Kürze erscheint.

Eine große Studie rückt den Weißrückenspecht und andere Arten mit bedeutenden Vorkommen im Karwendel in den Fokus.
© Fünfstück

Von Michael Domanig

Hall – „2020 war ein ganz besonderes Jahr mit großen Herausforderungen“: Dieser Feststellung von Josef Hausberger, Obmann des Naturparks Karwendel und Bürgermeister von Eben am Achensee, wird bestimmt niemand widersprechen. Dennoch zog der bundesweit größte Naturpark gestern eine recht positive Bilanz – nicht nur wegen der Auszeichnung als Österreichs Naturpark des Jahres 2020.

Einem guten Sommer sei Dank konnten im Naturpark 2020 trotz Covid-Krise immerhin 223 Veranstaltungen mit 1562 Teilnehmern stattfinden (üblicherweise verzeichnet man ca. 2000 bis 2500 Teilnehmer). „Wo wir durften, war das Interesse groß“, berichtet GF Hermann Sonntag. Doch allein im Schulbereich – Stichwort Umweltbildung – mussten über 100 Veranstaltungen abgesagt werden. Dafür konnte gemeinsam mit Künstlerin Beatrix Weger und Kindern aus allen Naturpark-Schulen „Das kunterbunte Karwendelbuch“ gestaltet werden, mit Porträts besonderer Tier- und Pflanzenarten.

Exkursion im Raum Zirl
© Naturpark Karwendel

Die frei werdenden Ressourcen habe man jedenfalls besonders in Richtung Naturschutzarbeit umgeschichtet, betont Sonntag: So wurde ein grenzüberschreitendes Interreg-Projekt zum Thema Besucherlenkung an Wildflüssen plangemäß abgeschlossen – mit wichtigen Erkenntnissen, wie der Mensch Gebirgsflüsse (etwa sportlich) nützen kann, ohne störungsempfindliche Arten zu beeinträchtigen. In Moorgebieten wiederum gelang es dem Naturpark, einen Großteil der Verträge mit Bauern über die Weidefreistellung zu verlängern, sodass die sensiblen Naturräume auch in Zukunft nicht von Kühen zertrampelt werden.

Einige Projekte wurden sogar vorgezogen – allen voran eine große Artenschutzstudie in Kooperation mit der Uni Innsbruck (Leopold Füreder, Fakultät für Biologie), die bis März fertig sein soll. Sie untersucht anhand von neun Kriterien, bei welchen Arten dem Naturpark Karwendel europaweite Bedeutung zukommt. Laut Sonntag zählen dazu etwa der Weißrückenspecht, welcher alte Laubwälder und viel Totholz benötigt, der Alpensegler, der in Zirl über einen von wenigen Brutplätzen in Österreich verfügt, oder die Gefleckte Schnarrschrecke, die an Gebirgsflüssen lebt. Auf Basis der Studie möchte der Naturpark zusammen mit bayerischen Partnern neue Artenschutzprojekte initiieren oder bestehende ausbauen.

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Ein Highlight war der Uhu-Nachwuchs im Naturpark
© Hausberger

Artenvielfalt will man aber auch rund um die Naturpark-Besucherzentren fördern, mit naturnaher Begrünung, wie sie beim Infozentrum Scharnitz bereits umgesetzt wurde (das Zentrum verzeichnete in der ersten vollen Sommersaison übrigens rund 22.000 Besucher). Nun soll, in Absprache mit der Diözese als Grundbesitzerin, auch das Außengelände rund ums Naturparkhaus Hinterriß neu gestaltet werden.

Nach Scharnitz sollen weitere Besucherzentren naturnah erblühen.
© Olympiaregion Seefeld

Ein „Riesenthema“ ist laut Sonntag die Besucherlenkung in der Natur. Im Corona-Jahr erhöhte sich der Nutzerdruck noch weiter. Hotspots waren etwa der Eingang zum Vomperloch, wo ein Kraftwerk mit Schwallbetrieb steht – potenziell gefährlich, wenn Leute z. B. auf den Schotterbänken grillen –, die Ehnbachklamm oder das Lalidererspitzen-Biwak. Letzteres sei „als Notunterkunft gedacht, nicht als Tourenziel für eine Nacht unter freiem Sternenhimmel“, stellt Sonntag klar.

Hier wolle man – auch personell – verstärkt ansetzen, die Besucher über Naturpark-Ranger gut aufklären und so die Gemeinden unterstützen. Auch die Kooperation mit digitalen Plattformen soll forciert werden. Konkret strebt der Naturpark eine Zusammenarbeit mit dem neuen Verein „Digitize the Planet“ an, der zusammen mit Pilot-Partnern Verhaltensregeln und Vorschriften für die Nutzung der Natur aufarbeiten und digital frei verfügbar machen möchte.

Viel geplant ist auch im Bereich Freiwilligenprojekte („Team Karwendel“), die im Vorjahr nur sehr eingeschränkt möglich waren. Für heuer sind acht Aktionen ausgeschrieben, in wenigen Tagen gab es schon über 70 Anmeldungen (www.karwendel.org/team-karwendel). „Wenn wir dürfen, sind wir bereit“, sagt Sonntag zuversichtlich.


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