Experte vermisst in der Coronakrise visionäre Kulturpolitik

Bald jährt sich das Auftreten des Coronavirus in Österreich zum ersten Mal. Die Auswirkungen der Anti-Covid-19-Maßnahmen in der Kulturbranche sind verheerend. Eben wurde das seit 3. November geltende neuerliche Veranstaltungsverbot bis Ostern verlängert. Kulturmanager reagierten verzweifelt bis fatalistisch. „Ich bleibe im Kunst- und Kulturbereich dennoch optimistisch“, versichert Michael Wimmer im Gespräch mit der APA. Es ist freilich ein Optimismus mit Einschränkungen.

Michael Wimmer zählt zu den kompetentesten Gesprächspartnern in Österreich, will man sich über Kulturpolitik informieren. Der 70-jährige Politikwissenschafter, der auch Musikerziehung, Orgel, Mathematik und Chemie studierte, war Leiter mehrerer Jugendzentren der Stadt Wien, Leiter des Österreichischen Kultur-Service (ÖKS) und Gründer der kultur- und bildungspolitischen Forschungs- und Beratungseinrichtung Educult. Zu seinen zahlreichen Publikationen gesellte sich im Vorjahr der von ihm herausgegebene Sammelband „Kann Kultur Politik? Kann Politik Kultur? Warum wir wieder über mehr Kulturpolitik sprechen sollten“. Nur das könne nämlich einen seit längerem zu konstatierenden Stillstand überwinden, der durch die Pandemie nur verschärft wurde: „Was mir fehlt, ist eine visionäre Kulturpolitik mit Gestaltungskraft. Eine, die fragt: Wie könnte der Kulturbetrieb im 21. Jahrhundert aussehen? Eine, die nicht nur schaut, wie man halbwegs durch die Krise kommt, sondern, wie man die Zukunft gestaltet.“

Wimmers Befund über die vergangenen Monate fällt ernüchternd aus: „Die Kulturszene ist auf fast bösartige Weise darauf aufmerksam gemacht worden, wie gering ihr wahrer Stellenwert in Politik und Gesellschaft ist.“ Dabei habe sich auch gerächt, dass die kulturellen Akteure in der Vergangenheit „gegen ihre eigene Rhetorik“ keineswegs aus dem Zentrum der Gesellschaft agiert hätten: Die gravierend veränderte demografische Situation habe sich in der Regel ebenso wenig abgebildet wie emanzipatorische Strukturen. In den angesichts der hohen Arbeitslosigkeit zu erwartenden sozialen Verwerfungen „wird es viele geben, die Richtung Kultur sagen werden: Hört‘s auf zu jammern, uns geht‘s viel schlechter!“

Die Folge: „Es wird zu einer Umverteilung kommen.“ Große, etablierte, staatliche Kultureinrichtungen würden sich angesichts der wohl noch länger ausbleibenden Kulturtouristen zwar vermehrt um lokales Publikum kümmern müssen, bräuchten sich aber keine echten Existenzsorgen machen. Im Gegensatz dazu werde die Freie Szene, deren meist prekäre Arbeitsbedingungen zuletzt zunehmend von der Politik als Handlungsfeld entdeckt wurden, noch stärker unter Druck kommen. „Im freien Sektor wird sich die Wettbewerbssituation verschärfen. Die Notwendigkeit, neben der künstlerischen Tätigkeit einen Brotberuf zu haben, wird zunehmen.“

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Zwei gegenläufige Strömungen sieht der Experte für die Zukunft als tonangebend: Ein unglaublicher Digitalisierungsschub werde das kulturelle Angebot verändern, auf der anderen Seite habe der Lockdown die Sehnsucht des Menschen nach Vergemeinschaftung verstärkt. „Hier entsteht in der Schaffung von neuen Räumen und neuen Öffentlichkeiten ein neuer kulturpolitischer Auftrag. Alle Studien zeigen, dass der soziale Reiz zum abendlichen Besuch einer Kulturveranstaltung höher ist als der ästhetische. Was auf der Bühne wirklich passiert, ist viel weniger wichtig als man glauben möchte.“ Dringend gefordert sieht Wimmer die Kultur aber auch in einer anderen Frage: „Die Programmgestaltung war in den vergangenen Jahrzehnt meist eher exkludierend als inkludierend. Es braucht eine neue Kooperation mit Akteuren aus anderen Politikfeldern. Es braucht einen Abschied vom Silo-Denken des sich als exklusiv verstehenden Kulturbetriebs.“

Zwar habe sich Österreich bei der Bewältigung der mit der Coronakrise einhergehenden Kulturkrise im internationalen Vergleich „recht gut“ geschlagen („In angelsächsischen Ländern herrschen dagegen brachiale Verhältnisse.“), die Bereitschaft für einen „New Deal“ der Kulturpolitik gehe ihm aber ab, sagt Michael Wimmer. „Wann, wenn nicht in dieser Krise, haben wir die Chance, Dinge infrage zu stellen? Es braucht mehr Mut zum Experiment! Ich würde mir sehr wünschen, dass der Kulturbetrieb nicht so aufgesperrt wird, wie er zugesperrt wurde.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)


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