Ein kleiner Lift in Leutasch als die große Lebensaufgabe für 80-jährigen Tiroler

Mit 80 Jahren sitzt Robert Fischer noch immer auf seiner Pistenraupe.

Sein Kleinod des Glücks: Robert Fischer präpariert auch dieser Tage die Pisten am Mahdlift in Leutasch.
© Schratzberger

Von Martina Schratzberger

Leutasch – Als wäre die Zeit stehen geblieben, baumeln die Bügel des Mahdlifts in Neuleutasch entlang der Trasse hinauf. Die Sonne setzt den beschaulichen Ort schon am Vormittag ins Rampenlicht, Robert Fischers Paradies erstrahlt.

Lange bevor die ersten Skifahrer ihre Bretter anschnallen, hat der pensionierte Steuerberater und Wirtschaftsprüfer mit seiner Pistenraupe sämtliche Unebenheiten planiert. Für einen 80-Jährigen steigt er unglaublich locker vom tonnenschweren Gerät. Fischer setzt den Schlepplift in Bewegung, schließlich sollen die Leute sehen, dass Betrieb ist. Und weil noch nichts los ist, hat er auch Zeit, seine Geschichte zu erzählen:

Seine früheste Kindheit verbrachte Robert Fischer in Amras, Er war gerade zwei Jahre alt, als der Vater im Zweiten Weltkrieg fiel. Die Mutter heiratete wieder und der Lebensweg führte nach Wien. Nach der Matura zog es ihn über den Ozean. In Amerika arbeitete er als Küchenrestaurateur und verlegte Steinplatten. Schließlich ging die Reise zurück zu den Wurzeln. In Tirol absolvierte er sein Volkswirtschaftsstudium und lernte – beim Skifahren – die Frau seines Lebens kennen, seine Barbara. „Das war der 7. April 1962, beim ­Gwschandtkopflift.“

Zurück in die Gegenwart: Zwei Autos parken auf dem kleinen Parkplatz gegenüber. Mütter und Väter helfen ihren Sprösslingen in die Ausrüstung. Was sie erwartet: eine Idylle zum Dahinschmelzen, kein Anstellen, kein Drängeln, keine Ellbögen. Liftkarten nur gegen Bargeld, auf elektronisches Equipment hat Fischer verzichtet. Bewusst.

Fischer sitzt besonnen im Häuschen der Talstation und verkauft Fahrkarten. Kinder unter sechs Jahren fahren zum Nulltarif. Die Tageskarte für Erwachsene kostet 15 Euro, alles Weitere bewegt sich irgendwo dazwischen.

Der Volkswirt hat neben der Kanzlei in Innsbruck seine Familie und den Lift mit seiner Frau Barbara vor mehr als 50 Jahren aufgebaut. „Wir haben uns immer sozial engagiert und wollten den Leuten die Möglichkeit geben, auch mit weniger Geld Skifahren lernen zu können.“ Alle drei Töchter, Birgit, Antonia und Annabelle, verbinden damit unzählige schöne Kindheitserinnerungen. Und freilich haben sie auch den insgesamt neun Enkelkindern dort das Pflugfahren und Wedeln ­beigebracht.

Links am Waldrand hat sich der Enkel mit einem Freestylepark verwirklicht. „Der macht vielleicht Sprünge und schlägt Saltos.“ Und freilich hilft die Familie mit. Wenn am Wochenende reger Betrieb herrscht, sitzt ein Enkel in der Bergstation und überwacht das Liftgeschehen. „Fleißig und bescheiden“ seien alle.

Eine Hand voll Autos gesellt sich über den Vormittag verteilt noch dazu. Wie ein Fels in der Brandung trotzt Fischer der Pandemie. Mit Argusaugen überwacht er den Liftbetrieb und bei der kleinsten Ungereimtheit auf der Trasse drückt er die Stopptaste. „Ich bin extrem vorsichtig, die letzten Tage in meinem Leben will ich auch nicht im Gefängnis verbringen“, so der Liftbetreiber. In wenigen Wochen wird er 81 Jahre alt.

Auf die Frage, ob er schon einmal daran gedacht hat, das Handtuch zu schmeißen, antwortet er: „Mich motiviert es schon sehr, wenn die Leute zum Skifahren kommen. Und es taugt mir so richtig, gerade jetzt der Pandemie zu trotzen, Kindern das Skifahren zu ermöglichen.“

Seine Frau Barbara vermisst Robert Fischer sehr. „Sie war eine Gute. Ein so toller Mensch, tüchtig und so herzlich.“ Vor drei Jahren, ausgerechnet am Kennenlerntag der beiden, am 7. April, starb sie an Brustkrebs.

Nicht zuletzt, weil auch viel Herzblut seiner Frau in das Projekt „Mahdlift“ geflossen ist, soll er möglichst lange fahren. „Ich tu, solange der Herrgott will.“


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