"Erdbeerkinder von Ladis": Mit Erdbeeren aus der Not

Die spannende Geschichte rund um die „Erdbeerkinder von Ladis“ ist mittlerweile fast in Vergessenheit geraten. Notburga Kirschner sammelt Zeitdokumente, Fotos, und erzählt.

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Wohlhabende Kurgäste kamen einst aus aller Welt ins damals sehr arme Ladis.
© Kirschner/Privat

Von Elisabeth Zangerl

Ladis – „Diese Armut der Kinder kann man sich heut­e wohl kaum mehr vorstellen“, erklärt Notburga Kirschner zu den „Erdbeerkindern in Ladi­s“, die ihre „Glanzzeiten“ zwischen 1880 und 1938 erlebten. Dies­e spannenden Erzählungen bekam Notburga Kirschne­r von ihrem Großvater und ihrem Vater überliefert: Der Großvater von Notburg­a Kirschner, Hermann Schumacher, war ein gebürtiger Innsbrucker und kam 1906 als Arzt ins Kurhotel Obladis – wenige Jahre später, 1912, übernahm er Aktienanteile und war fortan der Besitzer und zugleich der dort praktizierende Arzt des Kurhotels, in dem durch die Bank wohlhabende Gäste aus aller Welt, sogar aus Peking, Chicago, London usw. verweilten.

Einheimische Kinder verdienten ein Zubrot mit Erdbeeren.
© Privat/Kirschner

Die Beschwerden der Gäste waren vielfältig, angefangen bei Asthma über rheumatische Erkrankungen und Blutarmut bis hin zu Hautkrankheiten. Das Wasser der Schwefel­quelle erwies sich als richtiges Heilmittel.

Die 84-Jährige erinnert sich an die Erdbeerkinder.
© Privat

Im Kurhotel Ladis fanden etliche Einheimische Verdienstmöglichkeiten: Bauern verkauften ihre Produkte wie Milch, Eier, Käse und vieles mehr, Arbeiter wurden eingesetzt, um Wanderwege zu errichten – zu Beginn dieser Kurzeit war es sogar noch üblich, dass Männer die reichen Kurgäste nach Obladis hinaufgetragen haben und hierfür entlohnt wurden. Und eben so genannte Erdbeerkinder boten den wohlhabenden Kurgästen Walderdbeeren zum Verkauf an. „Die Familien waren sehr froh, wenn die Kinder Geld heimbrachten“, erzählt Notburga Kirschner. Anders als andernorts, wo Kinder ins Schwabenland zum Arbeiten geschickt wurden, konnten die Lader Kinder aber zumindest in der Heimat ihr Geld verdienen: „Ich wüsste von keinem Kind, das ins Schwabenland geschickt wurde“, bestätigt auch Notburga Kirschner.

Die Teller, auf denen die Erdbeeren gesammelt wurden, bekamen die Kinder von der Küche des Kurhotels zur Verfügung gestellt – die nicht verkauften Erdbeeren fanden oftmals auch dort für Torten ihren Absatz. „An die zehn bis fünfzehn Kinder waren im Einsatz, allesamt im Schulalter“, erzählt Notburga Kirschner. Und: „Teils haben die reichen Kurgäste den Kindern sogar Lehrer bezahlt, die sie unterrichtet haben, da es zu dieser Zeit (ca. um 1890) in Ladis noch keine Schule gab.“ Die 84-Jährige erzählt gerne aus dieser Zeit und hat dank ihrer Familie viele Bilder und Erinnerungen parat – allesamt schön fein säuberlich gesammelt.


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