Winnetou-Uraufführung im Linzer Theater Phönix

Das Linzer Theater Phönix wollte nicht mehr warten: „Winnetou eins bis drei - und am Ende stirbt Karl May“ war fertig geprobt, die Premiere wurde aber Lockdown-bedingt immer wieder verschoben. Also entschied man, die Uraufführung als Video herauszubringen. Regie führte Erik Etschel, der das Stück gemeinsam mit Lisa Fuchs auch geschrieben hat und für die Videogestaltung verantwortlich zeichnet. Das Experiment Streaming ist gelungen, das Stück richtet sich an Fans.

Karl May ist seit mehr als 100 Jahren tot - heute wäre er vielleicht Influencer und würde seine alternativen Fakten in die Welt hinaus twittern. Der Autor befeuerte stets die Legende, die Abenteuer von Old Shatterhand selbst erlebt zu haben, stellte den schlauen und zielstrebigen deutschen Landvermesser beim Eisenbahnbau in Amerika als sein Alter Ego dar, das 20 Sprachen spricht, besser schleicht als jeder Indianer und dank seiner Coolness und seiner Stärke mit dem kleinen Finger fünf raue und Feuerwasser trinkende Kerle gleichzeitig in Schach hält wie ein lebendig gewordener Chuck-Norris-Witz.

Und diese Selbstdarstellung steht im Zentrum des Stücks, es dreht sich nicht, wie der Name vermuten lässt, um Winnetou, sondern um Old Shatterhand und Karl May, beide dargestellt von Wiltrud Schreiner. Im ersten Teil arbeiten sich Erik Etschel und Lisa Fuchs an der Romanvorlage ab. Im Vordergrund fährt eine Modelleisenbahn durch eine Sandkiste mit Spielfiguren und -pferden samt Kaktusdeko. Es wird Schnaps getrunken, geschossen, jedes platte Klischee wird bedient, die tiefschürfendsten Gespräche führen die Pferde. Danach folgt der Schwenk in die Welt des Films. Neben dem alles überstrahlenden Lex Barker und dem mit französischem Akzent um Aufmerksamkeit buhlenden Pierre Brice tummeln sich dort auch ein stets „du dumme Sau“ schreiender Klaus Kinski sowie Karin Dor und Terence Hill. Zum Schluss mündet die Handlung in ein schrilles Hashtag-Feuerwerk.

Das Stück ist collageartig aufgebaut, dem Publikum werden Happen aus dem Winnetou-Stoff und aus der Geschichte der gleichnamigen Filme hingeworfen, was es damit macht, bleibt ihm selbst überlassen. Das Ensemble hat sichtlich Spaß daran, allerdings sollte man als Zuschauer im Buch- und Filmstoff einigermaßen firm sein. Ansonsten beschleicht einen das Gefühl, dass eine Freundesrunde gemeinsam einen Film ansieht und darüber ablästert, man selbst allerdings den Bildschirm nicht sieht. Wer aus seiner Kindheit Winnetou-Erfahrung mitbringt, wird sich hingegen blendend unterhalten.

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Gut gemacht ist die „Verfilmung“ des Stücks geworden. Erik Etschel mixt eine klassische Theaterübertragung mit Handkamera-Strecken, dem Blick von der Decke und augenzwinkenden Effekten. Die Musik von Gilbert Handler bedient sich wie gewohnt überall - von der Kirchenmusik bis zum Punk, von der Hymne bis zum Saloon-Geklimper - und drückt der Produktion einen charakteristischen Stempel auf.

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