Bizets „Carmen“: Unterschichten-Amour mit blutigem Showdown

Wiener Staatsoper: Bizets „Carmen“ schlug in Calixto Bieitos zeitloser Deutung knallhart überzeugend für TV-Kameras auf.

Eine Besetzung, die sich besser kaum denken lässt: Anita Rachvelishvili als Carmen und Piotr Beczala als Don José.
© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Von Stefan Musil

Wien – Aus einem bilderbuchhübschen Sevilla trat die Wiener Staatsopern-Carmen bis vor Kurzem. Seit Sonntag kommt sie aus der Telefonzelle. Eine tolle Leistung. Denn trotz mehrerer Covid-Erkrankungen im Ensemble hat es die neue „Carmen“ doch noch auf die Bühne geschafft.

Wobei sie so ganz neu auch nicht ist. Die Inszenierung von Calixto Bieito hat bereits Ende der 1990er-Jahre das Licht der Bühne erblickt und wurde danach in der ganzen Welt gezeigt, um auf ihrer 30. Station in Wien anzukommen. Sie ersetzt die alte, klassische Inszenierung Franco Zeffirellis, eine enorm aufwändige Sache, von 1978. Die neue Produktion ist wirkungsvoll, praktikabel, wohl auch eine pragmatische Entscheidung für ein Repertoirehaus. Spannend wäre es dennoch gewesen, die Reaktionen der Wiener Opernfreunde zu erleben.

Darauf mussten die paar glücklichen Besucher der TV-Aufzeichnung verzichten. Dafür kann sich jetzt jeder, etwa in der ORF-Mediathek oder im Staatsopern-Stream – auf play.wiener-staatsoper.at ist „Carmen“ das nächste Mal am 26. Februar angesetzt –, selbst zu Hause ein Bild machen. Und sich fragen, wie sehr es Bizets „Carmen“ braucht, dass Bieito sie aus Sevilla in die spanische Enklave Ceuta in Afrika verlegt. Noch dazu, wo sich er und seine Ausstatter (Bühne: Alfons Flores, Kostüme: Mercè Paloma) auf Bilder konzentrieren, die in ihrer archaischen Einfachheit auch nach 20 Jahren zeitlos wirken.

Wie im Testosteronnebel paradieren die Soldaten im ersten Akt um einen Fahnenmast und stürzen sich geil auf die aus der Zigarettenfabrik strömenden Arbeiterinnen. Es ist herzhafte Unterschichtenoper, wenn Carmen und ihre Schmugglerpartie im ausrangierten Taxi-Mercedes vorfahren und Escamillo wie ein Fußballheld eingeklatscht wird. Bieito lässt seine Protagonisten emotional und brutal aneinandergeraten, setzt auf direktes Theater, wenn er etwa den Chor im letzten Akt frontal ins Publikum singen lässt, um danach auf leerer Bühne knallhart den Showdown zwischen Carmen und Don José zu zeigen.

Die Besetzung der Titelrollen lässt sich kaum besser denken: Anita Rachvelishvilis Carmen ist ein Naturereignis, was das Volumen ihres Vollglutmezzos und ihre Ausstrahlung betrifft, wenn auch mit ein paar Abstrichen, die womöglich der überstandenen Erkrankung geschuldet sind. Piotr Beczala singt den derzeit wohl saftigsten Don José mit dem meisten Stimmschmelz. Vera-Lotte Boecker, kurzfristig eingesprungen, überzeugt als selbstbewusste, leuchtkräftige Micaëla. Erwin Schrott passt als Escamillo mit virilem Bassbariton perfekt zum in die Jahre gekommenen Torero, dem das Leben so manche Blessur zugefügt hat. Hervorragend sind alle übrigen Rollen besetzt und der Chor singt und spielt mit Verve. Am Pult stellte sich der neue Chefdirigent der Wiener Symphoniker, Andrés Orozco-Estrada, erstmals in Wien als Operndirigent vor. Er findet zwischen eindimensionalem Karacho und pianozarter Suche nach Stimmung eher selten ins Musiktheater. Er hätte öfters auf die Sänger hören sollen, die diese von Kamera und Mikro eingefangene „Carmen“ zum Erlebnis machen.


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