Neue Staatsopern-“Carmen“ als TV-Premiere gefeiert

Ach, waren das schöne Zeiten, als sich die Leute noch vor aller Augen die Kehlen durchschneiden konnten und nicht in der leeren Staatsoper. Und wie fein war es, als sich die Protagonisten noch vor liebestollen Antagonisten und nicht vor Corona fürchten mussten. Aber was hilft das Lamentieren?! Nachdem die neue Staatsopern-“Carmen“ aufgrund mehrerer positiver Coronatests zunächst verschoben werden musste, starb sie nun am Sonntag in ORF III ihren Bühnentod.

Während die Georgierin Anita Rachvelishvili in der Titelpartie wieder genesen war, musste der erkrankte Charles Castronovo als Don Jose durch Piotr Beczala ersetzt werden. Es soll einem als Zuschauer Schlimmeres passieren, als dass der polnische Startenor diese Partie singt. Erwin Schrott gab seinen Escamillo als erfahrenen Lebemann, der mit der Tiefe zu kämpfen hat, während als einziger Hausdebütant des Abends der immer noch jung im Amt befindliche Symphoniker-Chefdirigent Andres Orozco-Estrada dem Staatsopernorchester ungeachtet anfänglicher kleinerer Ansatzschnitzer einheizte.

Dominant an diesem Abend war aber selbstredend Rachvelishvili, die mit ihrer Carmen einst an der Scala debütiert hatte und diese Partie seither unter anderem an der Met, Covent Garden oder der Bayerischen Staatsoper sang. Nun also endlich Wien, und die Frage, weshalb sich die großen Häuser der Welt um die 36-Jährige in der Bizet-Oper reißen, ist mit dem ersten Ton beantwortet: Rachvelishvili besitzt einen ebenso mächtigen wie schimmernden Mezzosopran. Schlicht monumental. Darstellerisch ist ihre Carmen hingegen bodenständiger als meistens, eine weltliche Erscheinung, ein Geschöpf der Straße und nicht nur Objekt der Begierde.

Und damit ist Rachvelishvilis Interpretation exakt die richtige für Calixto Bieitos Regie, was sie bereits 2019 in Paris unter Beweis stellen konnte - schließlich gehört die Arbeit des mittlerweile 57-jährigen Spaniers zur Kategorie jener Inszenierungen, die Neo-Direktor Bogdan Roscic zur schnellen Erneuerung des Repertoires eingekauft hat. 1999 startete Bieito mit dieser „Carmen“ seine Karriere als einer der führenden Opernregisseure Europas und hat diese Deutung, an der immer wieder etwas gefeilt wird, schon in zahllosen Städten gezeigt.

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Die Bieito-“Carmen“ ist also, um im Fleischduktus zu sprechen, gut abgehangen - hat dabei einen beeindruckenden Reifegrad erreicht. Hier gibt es keine Soldatenromantik, sondern einen Blick aufs Militär, der an „Full Metal Jacket“ erinnert. Gezeigt wird insgesamt eine rohe Gesellschaft, mitleidslos und ohne Abziehbilder von Andalusienfolklore. Die Kargheit der meist leeren Bühne wird durch eine herausragende Personenführung mehr als belebt. Und daneben erschafft der Regisseur ebenso sinnliche wie sinnhafte Bilder für handlungsfreie Zwischenspiele. Diese „Carmen“ ist eine äußerst solide, äußerst repertoiretaugliche Arbeit, die weit entfernt von so manchem Aufreger des einstigen „Enfant terrible“ Bieito ist.

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