Modiano kreist in „Unsichtbare Tinte“ um große Fragen

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Er gilt als Meister des Ephemeren, des Schwebezustands, der Andeutung. In seinem neuen Roman „Unsichtbare Tinte“ wird Patrick Modiano, 1978 mit dem Prix Goncourt, 2012 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, 2014 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, seinem Ruf mehr als gerecht. Die Hauptfigur Noëlle Lefebvre ist ein Phantom, das sich erst langsam materialisiert. Zwei Jahre nach dem Original ist nun die deutsche Übersetzung des Buches erschienen.

Dem Plot nach könnte „Unsichtbare Tinte“ ein Kriminalroman sein. In einer Pariser Detektei gibt ein Mann einen Nachforschungsauftrag: Eine junge Frau ist spurlos verschwunden, taucht weder in ihrer Wohnung im 15. Arrondissement noch am Postamt auf, wo sie sonst postlagernde Briefe erhält. Der neue Detektei-Mitarbeiter Jean Eyben erhält seinen ersten Auftrag und wird zu Recherchen losgeschickt. Er bekommt nur wenig Greifbares heraus. Die Fakten bleiben fragmentarisch, die Aussagen der Befragten nebulös. Die einzelnen Puzzlestücke wollen sich kaum zum klaren Bild einer Existenz zusammensetzen lassen.

Im Krimi würde nun früher oder später die Polizei auf den Plan gerufen werden, käme zum Verschwinden die Spekulation und würde sich allmählich Verdacht zur Gewissheit verdichten. Nichts von alledem bei Modiano. Weder für noch gegen ein Verbrechen ergeben sich triftige Anhaltspunkte. Sowohl der Auftraggeber als auch der Detektei-Besitzer scheinen rasch das Interesse an dem Fall zu verlieren, und auch Jean investiert nicht viel Zeit. Doch er bleibt dran, wenngleich sporadisch. Denn Noëlle scheint aus derselben Gegend zu stammen wie er selbst, aus der Umgebung von Annecy in der Haute-Savoie, und so ergeben sich auch Jahre später bei zufälligen Treffen mit Jugendfreunden immer wieder Gelegenheiten, die Sache ein wenig voranzutreiben und das angelegte „Dossier“ zu erweitern. Dabei stößt er zwar tatsächlich auf ein Tötungsdelikt, dieses betrifft aber einen von Noëlles Freunden.

Modiano interessiert sich also weniger für kriminelle Energien als für menschliche Existenzen: Welche Spuren hinterlässt unser Lebensweg? Wie eindeutig sind wir definiert und von wem? Bestimmen wir selbst über das, was einen als Mensch ausmacht, oder summieren sich Fremdwahrnehmungen zu einem Charakter? Es sind also große, schwierige Fragen, um die Modiano kreist, ohne das Geheimnis, wie man „unsichtbare Tinte“ sichtbar machen kann, gänzlich preiszugeben. Noëlle Lefebvre, ergeben jedenfalls die Nachforschungen, hat eigentlich weder Noëlle noch Lefebvre geheißen.

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Dass der Roman gegen Ende noch eine überraschende, unerwartete Wendung nimmt, ist typisch Modiano. Und ebenso der Umstand, dass damit natürlich längst nicht alle Rätsel gelöst sind.

(S E R V I C E - Patrick Modiano: „Unsichtbare Tinte“, übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl, Hanser Verlag, 144 Seiten, 19,60 Euro)


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