Regisseurin Kornmüller fordert Re-Start der Kultur

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„Wenn es soweit ist“, heißt die Gruppe von Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf, und selten war der Gruppenname zutreffender als im momentanen Kultur-Lockdown. „Bei uns war vor einem Jahr unglaublich viel los. Und von heute auf morgen ist alles weggebrochen“, erinnert sich Kornmüller im Gespräch mit der APA. Zwei große Projekte in Wien und St. Petersburg mussten verschoben werden. Nun hofft man auf einen Neustart zumindest am 1. Mai.

Mit ihrer nach dem Correggio-Gemälde „Entführung des Ganymed“ benannten literarisch-musikalischen Bespielung der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums Wien (KHM) erlangte die Gruppe europaweite Bekanntheit. Nach Gastspielen in Wroclaw, Budapest und Brüssel hatte die siebente Auflage des Wandertheaters im KHM unter dem Titel „Ganymed in Power“ am 4. März 2020 Premiere. Danach kam der Lockdown. Es blieb die bisher einzige und letzte Vorstellung. „Zu diesem Zeitpunkt hatten wir für die 15 geplanten Vorstellungen schon 6.200 Karten verkauft“, erzählt die Regisseurin. Zweimal mussten die Vorstellungen bereits verschoben werden. Das Erstaunliche: Bloß 320 Käufer ließen sich den Kartenpreis refundieren. Der Rest hofft und harrt aus. Auf den Zeitpunkt, „wenn es soweit ist“.

Nun soll es am 1. Mai soweit sein. Die Liste der umgebuchten Ersatztermine liest sich kompliziert. Weitere Vorstellungen wurden in den Herbst verschoben. Und für den Fall, dass neue Restriktionen die Zahl der zugelassenen Besucher einschränken sollten, hofft man, den neuen „Veranstalter-Schutzschirm“ in Anspruch nehmen zu können. Schließlich fielen pro Abend rund 8.000 Euro Gagenzahlungen an. Im Lockdown erhielt die Gruppe Unterstützung durch den NPO-Fonds. „Die Einreichungen sind aber eine Wissenschaft für sich. Alleine hätten wir das nie geschafft. Zum Glück haben wir eine tolle Steuerberaterin. Wir haben unsere Erfahrungen auch gleich versucht, über ein Netzwerk zu verbreiten“, sagt Jacqueline Kornmüller, die bei der Situation von Künstlerinnen und Künstlern, die bei „Ganymed in Power“ mitmachen, große Unterschiede ortet. Am härtesten habe es die Freischaffenden getroffen. „Vielleicht könnte das ein Anlass sein, über ein Grundeinkommen für Künstlerinnen und Künstler nachzudenken, um zu verhindern, dass diese Menschen immer wieder im Prekariat landen.“

Kornmüller selbst hat ein 3.000-Euro-Stipendium der Stadt Wien erhalten („Eine tolle Sache!“) und dafür die Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“ von Haruki Murakami dramatisiert. „Die Geschichte wirkt wie eine Paraphrase auf den Lockdown: Ein Kind verirrt sich in einer Bibliothek und findet erst heraus, als es seine Angst überwindet.“ Über einige Umwege bekam sie direkten Kontakt zum Autor, der ihr die Aufführungsrechte gab. Nun plant sie eine Uraufführung am denkbar geeignetsten Ort: im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek.

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Vorher geht es aber in die Eremitage in St. Petersburg. Dort hatte man, als in Wien nichts mehr lief, ein Ganymed-ähnliches Projekt mit Texten russischer und österreichischer Autoren vorbereitet, das den Titel „Flora“ trägt. „Vier Wochen vor der Premiere mussten wir nach einem Coronafall im Museumsteam auch dort abbrechen.“ Die russischen Präventionskonzepte setzten stärker auf Maskentragen auch im Alltag und auf Temperaturmessungen, erzählt Kornmüller, die nun hofft, die Premiere im riesigen Museum („Alles ist achtmal so groß wie im KHM. Die Vorbereitungszeit ist unglaublich lange.“) im September stattfinden lassen zu können.

Einfach darauf zu warten, bis „es soweit ist“, sei jedoch zu wenig, sagt die Regisseurin. Man müsse auf Sichtbarkeit drängen. Kunst und Kultur ermöglichten es der Gesellschaft schließlich, „von sich wegzudenken“: „Fällt der öffentliche Raum dafür weg, landet die Gesellschaft in der Psychiatrie! Wenn die Belüftung der Seele nicht stattfindet, sieht es finster aus.“ Deswegen dürfe man sich nicht damit abfinden, dass sich Österreich auf eine Skination reduziere und das Terrain der Kulturnation einfach aufgebe. „Wir müssen stattfinden! Sonst erkrankt die Gesellschaft nur noch mehr.“

Doch der Hunger nach Kunst und Kultur werde spürbar größer, ist sich Jacqueline Kornmüller sicher. „Ich weigere mich, pessimistisch zu sein. Shakespeare hat seine Karriere im Jahr der Pest angefangen.“

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