Filmfest von der Couch aus: Berlinale wechselt ins Internet

Die Berlinale findet heuer als Internetveranstaltung statt – mit einigen überraschenden Filmbeiträgen. Bereits heute werden die Bären-Gewinner bekannt gegeben.

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Ein verliebtes Pärchen inmitten des libanesischen Bürgerkriegs. Manal Issa und Hassan Akil in „Memory Box“.
© Haut et Court/Abbot Productions

Berlin, Innsbruck – Die Berlinale rollt diese Woche den roten Teppich aus, und vieles ist wie immer: Ein Fach-publikum bekommt die Welt-premieren zu sehen, und die Jury entscheidet heute Freitag über den Goldenen und die Silbernen Bären. Filmfans in aller Welt erleben die mutmaßlich besten Festivalfilme dann irgendwann im Kino – sobald Corona ein Einsehen hat. Nachdem die Berlinale 2020 kurz vor dem ersten euro­päischen Lockdown gerade noch Glück hatte, sind 2021 die Kinos am Potsdamer Platz noch immer tabu.

Der rote Teppich wird also vorerst nur im Internet ausgerollt. Lediglich ein Großteil der Jury, bestehend aus früheren Bären-Gewinnern, darf einsam im Berliner Kino­saal sitzen. Den Iraner Mohammad Rasoulof (Goldener Bär im Vorjahr für „Sheytan Vojud Nadarad – Es gibt kein Böses“) lässt das iranische Regime nicht aus­reisen – Repressalien gegen kritische Künstler genauso wie schon vor der Pandemie.

Die Filmbranche startet ihr europäisches Festival-arbeitsjahr also diesmal vom weltweiten Zuhause aus. Das Berliner Publikum darf dann hoffentlich im Juni eine Sommer-Berlinale im Kino genießen. „Ich sehe mich im Juni im Kino sitzen“, blickt der künstlerische Leiter Carlo Chatrian schon freudig voraus. Banger, fragender Nachsatz: „Aber wer weiß das schon?“

Doch welche Filme hat Chatrian in seinem (virtuellen) zweiten Jahr ausgewählt? Nach einem Jahr Pandemie finden sich nun schon die ersten ernsthafteren Lockdown-Projekte darunter, teilweise bereits mit Corona-Einschränkungen gedreht.

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Es sind freilich keine simplen Spiegelungen des Ausnahme­zustands, zumindest nicht in den gut erzählten Filmen. Céline Sciamma etwa gelingt nach ihrem gefeierten „Portrait de la Jeune Fille en Feu“ 2019 nun mit „Petite Maman“ eine großartig reduzierte Familiengeschichte rund um ein abgelegenes Haus mit kleinem Ensemble – durchaus ein Bären-Favorit.

Ebenfalls preisverdächtig ist der wunderbar collagen-artig gebaute Film „Memory Box“ des libanesischen Regie-Duos Joana Hadjithomas und Khalil Joreige. Dabei ist Corona das kleinste Problem, erzählt er doch eine jugendliche Liebesgeschichte inmitten der Bürgerkriegs-Vergangenheit und spiegelt indirekt auch die doppelt und dreifach bittere Gegenwart von Beirut wider.

Zumindest zwei der vier deutschen Wettbewerbsbeiträge ziehen ihre Geschichten dagegen größer auf: Dominik Grafs knapp dreistündige Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ und Daniel Brühls Regie-Debüt „Nebenan“.

Die beiden sind seltsamerweise auch die einzigen Filme, die sich für den Berlinale-Streaming-Zugang zu schade sind. Doch das Streaming-Jahr ohne Branchen-Hype hat auch sein Gutes. Diese Online-Berlinale lenkt den Fokus wieder auf das Wesentliche – die Erzählkraft der Film­e selbst. (maw)


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