„Eurotrash" von Christian Kracht: Von der Ratlosigkeit „on the road“

Christian Kracht dockt mit „Eurotrash“ an sein frühes Meisterwerk „Faserland“ an – und führt seine Leser durch Schweizer Postkarten-Bunker aufs Glatteis.

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Christian Krachts Werke wurden bislang in 30 Sprachen übersetzt.
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Innsbruck – Es fängt also wieder mit einem „Also“ an, das neue Buch von Christian Kracht. So wie „Faserland“, das Kracht 1995 bekannt machte – und das seither immer dann, wenn es gilt, eine Bruchstelle in der Kontinuitätserzählung der bundesdeutschen Literatur zu markieren, emphatisch (oder leicht angeekelt) beschworen wird. Auch nach dem „Also“ knüpft „Euro­trash“ an „Faserland“ an. Ganz offensiv wird das Buch schon im ersten Absatz erwähnt. Als eine Geschichte, die der, der in „Eurotrash“ „Ich“ sagt, vor einem Vierteljahrhundert geschrieben hat. Der Umstand, dass dieses „Ich“ – wie sein Autor – Christian Kracht heißt, macht die Sache offenbar offensichtlich. Und führt aufs Glatteis. Oder ins Nirgendwo. Man kann „Eurotrash“ auf Autobiografisches abklopfen. Aber wenn es darum ginge, könnte man auch Krachts Wikipedia-Eintrag lesen. Das mag aufschlussreich sein. Und langweilig.

Vordergründig mag es um die Kracht’sche Familiengeschichte gehen, um gut betuchtes Großwerden zwischen alten Nazis und neureichem Besserwissen, um „Daddy Issues“ und eine von Barbituraten betäubte Mutter. Aber das ist – wie gesagt – der Vordergrund. Dahinter stehen andere Fragen: Wie werden das, was war, und das, was gewesen sein könnte, zu Geschichten? Christian Krachts „Eurotrash“ ist potenzierte Literatur. Keine autofiktive Spielerei, sondern Erzählung gewordene Erzählkritik. Der Rahmen dafür ist simpel – die Konsequenz schlicht spektakulär: Der Buch-Kracht und seine greise Mutter fahren – wer hat, der hat – im Taxi durch die Schweiz. Er klagt an, fordert Vergangenheitsbewältigung, die Nazi-Geschichten, Missbrauch, das gängige Inventar ernstzunehmender E-Literatur. Sie kontert. Denunziert den denunziatorischen Furor des Nachgeborenen als selbstgefälliges Gejammer und gut geübte Pose: Der Angriff auf die Altvorderen von einst ist einfach. Und eine Finte, um den eigenen Geistern zu entkommen. „Was soll man da noch sagen?“, fragt sich der Ich-Erzähler – und formt seine Ratlosigkeit zur Road Novel durch einen Postkarten-Bunker.

„Eurotrash“ ist ein dunkles Buch, düster, schonungslos, schmerzhaft. Und brachial komisch. Am Ende erlaubt es sich sogar ein bisschen Hoffnung. In „Faserland“ scheiterte das „Ich“ bei der todessehnsüchtigen Suche nach dem Grab von Thomas Mann. „Eurotrash“ klingt an der letzten Ruhestätte von Jorge Luis Borges aus. Borges, der politisch oft fragwürdige Gottvater der modernen Literatur, hat sich „Hab keine Angst“ auf den Grabstein schreiben lassen. Man mag zwar nicht mehr weiterwissen, aber warum sollte man deshalb mit dem Erzählen aufhören? (jole)

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