Tiroler Auswandererdorf Pozuzo im Würgegriff von Coronavirus

Die Corona-Situation in Tirols Kolonistensiedlung in Peru ist wegen Lücken in der medizinischen Versorgung ungleich schwieriger als bei uns.

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Spendenübergabe in Pozuzo: Freundeskreis-Obmann Emanuel Bachnetzer (3. v. l.) konnte TV-Geräte und technische Ausrüstung an Schuldirektoren aus dem Distrikt Pozuzo übergeben.
© Bachnetzer

Von Helmut Wenzel

Silz, Pozuzo – Weite Teile Perus waren beim Lockdown im Frühjahr 2020 extrem schwer betroffen. Auch über seltsame Maßnahmen wurde berichtet: Männer durften nur an ungeraden Tagen zum Einkaufen gehen, Frauen an geraden Tagen.

Das Tiroler Auswande­rerdorf Pozuzo (gegründet 1859) am Ostrand der Anden wurde zunächst „nur von einem Corona-Streifschuss“ getroffen. Trotzdem haben Kinder und Jugendliche seit einem Jahr keinen regulären Schulbetrieb, sie werden online unterrichtet.

In den vergangenen Wochen kletterten die Infektionszahlen auch im 10.000-Einwohner-Distrikt Pozuzo unaufhaltsam nach oben. Die Statistik wies diese Woche 66 Neuinfizierte und 54 Genesene für den Distrikt der Tiroler Kolonisten aus. In der Provinz Oxapampa (93.000 Einwohner) gab es 1102 Infizierte, 807 Personen galten als genesen.

Emanuel Bachnetzer, Obmann des Pozuzo-Freundeskreises mit Sitz in Silz, fasste am Freitag zusammen: „Der Ausnahmezustand ist bis 31. März verlängert worden. Die Bevölkerung muss restriktive Ausgangsbeschränkungen in Kauf nehmen. An Sonntagen muss man überhaupt in den eigenen vier Wänden bleiben.“ Als Kommunikationsmittel würden der lokale Radiosender sowie soziale Medien wie Facebook eine sehr wichtige Rolle spielen.

Testen ist auch in Pozuzo das Gebot der Stunde.
© Bachnetzer

„Das größte Problem sind die Lücken in der Gesundheitsversorgung, die sich gerade jetzt in der Krise zeigen“, hob der Obmann hervor. Covid-Patienten mit schwerem Verlauf könnten keinesfalls im örtlichen Spital (San Camilo, gegründet vom Tiroler Pozuzo-Freundeskreis) behandelt werden. Gerade fünf Intensivbetten gebe es in der nächstgelegenen Covid-Station in Oxapampa, rund 75 Kilometer und zwei Fahrstunden westlich von Pozuzo. „Aber die Betten dort sind so gut wie nie frei verfügbar.“ Immerhin biete San Camilo derzeit Corona-Testungen im Umfang von einigen Stunden täglich an.

Die Kolonisten-Skulptur trägt eine Corona-Maske mit dem Logo des Landes Tirol.
© Olger E. Paucar

Bachnetzer, auch als Filmemacher aktiv, hatte noch Glück, dass die Infektionszahlen bei seiner jüngsten Reise im Dezember und Jänner relativ niedrig waren. Abseits von Corona durfte die gute Tat der Pozuzo-Freunde auch diesmal nicht fehlen: Auf Wunsch von Schuldirektoren konnte der Obmann TV-Geräte und technische Ausrüstung für Bildungseinrichtungen übergeben. Die Mittel kommen teils aus dem Pozuzo-Unterstützungsfonds zur Förderung von Schülern aus sozial schwachen Familien.

Derzeit sind die Grenzen rund um das Andendorf so gut wie dicht, Tourismus und Kultur mussten zusperren. Ihren Betrieb ebenfalls geschlossen hat die Touristikerin Mariana Schmidt-Stein. Sie teilte mit: „Ich möchte damit auch meine Eltern schützen. Die Zeit nutzen wir vor allem mit Umbauarbeiten und kümmern uns mehr um unsere Gärten.“

Am 16. März 1857 trafen sich Tiroler Auswanderer in Silz, um die Reise über den Atlantik anzutreten. 164 Jahre danach, am Dienstag, 16. März 2021, treffen sich Vorstand und Mitglieder des Freundeskreises zur Vollversammlung – erstmals auf einer Online-Plattform.


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