Digitale Originale: 70 Mio. Dollar für virtuelle Grafik-Sammlung

Hype oder Angeberei? Gestern wurde das erste rein digitale Kunstwerk für 70 Mio. Dollar bei Christie’s versteigert. Eine Krypto-Technologie macht’s möglich.

Eine Zeitlang war es überall, sogar auf Halloween-Kürbissen: Das Gif „Nyan Cat“ schwirrt schon seit zehn Jahren durchs Netz. Vor Kurzem wurde die millionenfach geteilte Grafik für eine halbe Million Euro verkauft.
© imago stock&people

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Seit 13 Jahren „droppt“ Mike Winkelmann alias Beeple, ein ­Grafikdesigner und selbst ernannter „political cartoonist“, täglich ­online ein Bild. Konzipiert und ausgeführt werden die „Everydays“ an einem Tag. Alptraumhafte Hy­bride, Figuren der Comic- oder Digitalkultur und so ­mancher Politiker huschten da schon durch dystopische Sci-Fi-Welten; Smileys werden in Ketten gelegt und Jeff Bezos taucht als grotesk-hyperrealistisches Seeungeheuer auf. Ende Februar reagierte Beeple auf die Auflösung von Daft Punk mit einem sich auflösenden Handshake des französischen Elektro-Duos. Winkelmann ist Netzkünstler und spätestens seit gestern kennt die ganze Kunstwelt seinen Namen. Sein Tagebuch, die aus 5000 Grafiken bestehende Collage „Every­days: The First 5000 Days“ kam bei Christie’s unter den Hammer. Für rund 70 Millionen Dollar ging es an den Höchstbietenden – der Einstiegspreis lag übrigens bei 100 Dollar. Es ist das erste digitale Kunstwerk, das das US-Auktionshaus verkaufte.

Es wird nicht das letzte seiner Art sein. Der Run auf digitale Kunst ist aktuell besonders hoch. Grund für den Hype ist auch die Pandemie, in der sich eine zahlungskräftige Sammlerschaft nach neuen Investitionsmöglichkeiten umschaut. Möglich macht ihn eine Technologie namens NFT, die es erlaubt, einzelne Werke als digitale Originale käuflich zu machen.

Dabei ist allein die Bezeichnung „digitales Original“ ein Widerspruch in sich: Schließlich fluten regelmäßig neue Memes oder Videos das Netz, werden geteilt, kopiert, bearbeitet – ohne dass dafür Geld fließt. Schon seit Jahrzehnten fertigen Kunstschaffende digitale Werke, die nie den Wert ihrer materiellen „Kollegen“ Malerei oder Skulptur erreichen konnten – eben weil sie überall zugänglich und teilbar sind. Kopieren wird man digitales Kunstschaffen auch weiterhin können, inzwischen werden einzelne Versionen aber dank NFTs authentifiziert, das Werk erhält gewissermaßen eine virtuelle Signatur. So ähnlich ungefähr, wie im Analogen ein Gemälde mit einem Gutachten oder mithilfe von Provenienzforschung zertifiziert wird.

NFTs sind nur noch sicherer: Die „Non-Fungible Tokens“, sind im Gegensatz zu „Fungible Tokens“ wie Bitcoins nämlich nicht austauschbar, sie sind einzigartig. NFT ist salopp gesagt digitales Zeug, das besessen werden kann: Wer NFTs kauft, kauft einen Token und ein Objekt, das damit verknüpft ist. Das kann nicht nur digitale Kunst, sondern auch der erste Tweet auf Twitter oder virtuelles Land sein. Im 2018 veröffentlichten Blockchain-Game „Axie Infinity“ etwa wurde ein Stück Land für 1,5 Millionen Dollar verkauft. Genauer für gestern noch 833,04 Ethereum, die aktuell nach Bitcoin am höchsten dotierte Kryptowährung. Das Land gibt es zwar nicht wirklich, aber es existiert in Form von Daten, gespeichert in der Blockchain und damit fälschungssicher.

Auch Beeples „Everydays“ kamen gestern als NFT unter den Hammer. Wie man es abseits der Auktionshäuser schon länger auf diversen NFT-Plattformen macht: Grimes etwa, Musikerin und bessere Hälfte von Elon Musik, verhökerte jüngst ihre Editionsserie „War Nymphs“, zehn digitale Gemälde, Animationen und Clips über Nifty Gateways. Für schlappe sechs ­Millionen Dollar.

Und weil jede Sensationsmeldung aus dem Netz auch ihren eigenen Cat-Content braucht: Chris Torres’ „Nyan Cat“, ein grob gepixeltes Kätzchen, das einen Regenbogen hinter sich herzieht, bekam Ende Februar über die Plattform Foundation für 500.000 Euro einen Besitzer. Zehn Jahre, nachdem das Gif das Netz eroberte und es T-Shirts, Tassen, ja sogar Halloween-Kürbisse zierte.

Aber warum will jemand ein Gif besitzen? Laut New York Times geht es, wenn schon nicht um Urheberrechte, um die „Rechte auf Prahlerei“. Der Sammler sichere sich das Wissen, das seine Kopie die „authentischste“ ist. Geht es also auch bei digitaler Kunst um die viel beschworene „Aura“ eines Originals? Walter Benjamin jedenfalls lässt grüßen.

Eine letzte Frage bleibt noch offen: Was tun mit digitaler Kunst, den reinen Daten? Wie soll die Mega-Collage von Beeple installiert werden? Im Talk auf Clubhouse soll Beeple gemeint haben, dass er für unterschiedliche Arten der Installation offen ist, berichtet das Kunstmagazin Monopol. Als Print, auf der Fassade eines Museums, auf einem Screen. Alles sei für ihn vorstellbar.


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