Zukunftsblick: „(R)Evolution“ im Theater Drachengasse

Da passen Inhalt und Verpackung ideal zusammen. Wegen der Theater-Schließungen konnte das von Yuval Noah Hararis „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ inspirierte Stück „(R)Evolution - eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert“ von Yael Ronen und Dimitrij Schaad nicht vor Zuschauern im Wiener Theater Drachengasse zur Österreichischen Erstaufführung gebracht werden. Also gab es für den Blick in unsere technologiegeprägte Zukunft gestern eine Online-Premiere auf Youtube.

64 Besucher sind laut Bildschirm-Anzeige am Freitagabend mit dabei, als das Ensemble in einem satirischen Prolog mit den neuen Nutzungsbedingungen des Theaters Drachengasse vertraut macht. Grundvoraussetzung des Theaterbesuchs sei die Freigabe der eigenen Bildschirmkamera, da die neue Theaterapp „Draga 3000“ per Gesichtserkennungssoftware die Reaktionen auf jeden Gag, jeden Schauspieler, jede Szene analysiere, um damit künftige neue Theaterstücke zu optimieren. Ein Algorithmus werde nicht nur Themen und Plots für jeden Besucher maßschneidern, sondern ihn - so gewünscht - auch scheinbar selbst mitspielen lassen. Während man dies für einen Albtraum hält, fällt der Blick auf die von Algorithmen erarbeitete persönliche Youtube-Vorschlagliste neben dem Bildschirmfenster. Willkommen in der digitalen Gegenwart.

Die Zukunft hält freilich noch deutlich mehr parat, das macht die von Sandra Schüddekopf in dem kleinen, zuschauerlosen Theaterraum (Bühne, Kostüme: Martina Mahlknecht) geschickt für ein paar Kameras inszenierte Szenenfolge deutlich. Alecto heißt die, wohl Alexa nachempfundene, Schnittstelle zwischen Mensch und Maschinen, mit der man künftig mehr kommuniziert als mit dem eigenen Partner - und vielleicht auch lieber, schließlich hat er eine angenehme Stimme, wirkt immer verständnisvoll und weiß über die eigenen Gefühle und Wünsche besser Bescheid als jeder andere. Kein Wunder, dass er für einsame Menschen (wie ihn Maddalena Hirschal hingebungsvoll spielt) sogar zum Seelentröster wird, den man sogar „in sich hinein lassen“ würde - käme man nicht im letzten Augenblick darauf, dass es Alecto nur darum geht, Zugriff auf die eigenen Gedanken zu bekommen, um sie noch früher der Polizei zu melden, die mittlerweile künftige Straftaten bereits im gedanklichen Keim ersticken möchte.

Als potenzielle Terroristen werden etwa die „Naturalisten“ gehandelt, die sich dem allgegenwärtigen computergestützten Optimierungsdruck verweigern. Dumm nur, dass sich dann die Haushaltsgeräte zusammenschließen, ihre Besitzer zum Meeting vorladen und der Kühlschrank mit der strengen Stimme der Mutter seine Öffnung verweigert: Der Besitzer hat schon mehr als seine für ihn als optimal berechnete Kalorien-Ration zu sich genommen und bekommt nichts mehr. Jetzt nur noch Zähne putzen und dann rasch ins Bett, rät Alecto. Es klingt nach einem Befehl.

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Während auch der Cyber-Sex im Jahr 2040 ganz anders und deutlich komplizierter funktioniert, wie ein schwules Paar (Felix Rank und Johannes Schüchner) feststellt, plagen das Hetero-Paar (Zeynep Buyraç und Sebastian Wendelin) ganz andere Sorgen. Das zweite Kind soll ein klein wenig gen-optimiert werden, muss es sogar, denn sonst steigen die Versicherungsgebühren ins Unbezahlbare. Noch teurer ist allerdings alles, was über das gentechnische Basispaket hinausgeht. Die Lebenserwartung des nicht upgegradeten Sprösslings beträgt allerdings, räumt der Berater ein, angesichts deutlich härterer Umweltbedingungen (Klimawandel und so) nur mehr 50 Jahre.

Die Botschaft an das Publikum ist recht eindeutig: „Wir haben uns versklavt - und zwar freiwillig.“ Doch auch die rückgekoppelte Botschaft an „Draga 3000“ dürfte nichts zu wünschen übrig lassen. Der virtuelle Zuschauer war fast durchgängig interessiert und immer wieder auch amüsiert. Der Algorithmus empfiehlt daher: Bitte mehr davon!

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