Getanzte und gestreamte „Liebesbriefe“ am Landestheater Linz

Besser, den Bühnen geht im Lockdown die Geduld als die Luft aus. „Nach Monaten der ungewissen Probenarbeit“ hat sich das Landestheater Linz dazu entschlossen, nicht mehr länger auf die Möglichkeit zu warten, die erarbeiteten Produktionen live vor Publikum spielen zu dürfen, sondern unter dem Motto „Stream a Dream“ eine „Netzbühne“ zu etablieren. Gestern, Samstag, war der Auftakt mit Tanz. In den nächsten Wochen geht es weiter mit Musical, Schauspiel und Oper.

Zum Start des 76-minütigen Streams, der bis 10. April abrufbar ist, wandte sich Mei Hong Lin aus dem leeren Haus direkt ans Publikum. „Diese Begegnung ist wohl die entfernteste, aber auch die intimste - wir kommen direkt zu ihnen nach Hause. Wie sehr wir die Bühne und unser Publikum vermissen kann ich nicht mit Worten erzählen, beschreiben“, so die Tanzdirektorin, die den Abend selbst choreografierte - eine Collage aus zehn Szenen, die sich in weitesten Sinn mit der Corona-Zeit auseinandersetzen. „In jeder Szene erzähle ich Ihnen meine Ängste, meine Sehnsüchte, meine Einsamkeit und Hoffnung. Alles dies sind Liebesbriefe an Sie, an mich, an meine Mitmenschen und an die Welt.“

Liebesbriefe also. Sie sind weniger zärtlich, viel abwechslungsreicher, aber auch heiterer als erwartet. Sie bringen vor allem eine sich nach Auftritten sehnende Compagnie auf die Bühne und gleichen einer knallbunten Patchwork-Decke, die mit groben Stichen, aber ohne roten Faden zusammengenäht wurde. Zu diesem Eindruck trägt auch die Musik bei, die „von Eleni Karaidrou, Kolsimcha, Kronos Quartet, Heitor Villa-Lobos und anderen“ kommt und zusammen kein rechtes, schlüssiges Ganzes ergibt. Buntheit und Humor sind Mei Hong Lin und ihrem Ausstatter Dirk Hofacker wichtig, aber auch um Text macht dieses Tanzstück keinen Bogen. Dafür darf Shao-Yang Hsieh zeigen, was er mit dem Reifen alles anstellen kann.

Die zehn „Liebesbriefe“ thematisieren vieles, was uns heute beschäftigt: Entfremdung und Entpersönlichung durch unentwegten Einsatz von sozialen Medien bei gleichzeitigem Social Distancing; Raubbau an der Natur; Vereinsamung; Angst vor Krankheit und Tod. Von den Startpositionen des Ensembles in an Smartphone-Displays erinnernden Stellwänden, auf den Rücken der Trikots gedruckten großen QR-Codes über kleine Papp-Schachteln bis zu verknoteten Seilen, als Surfbretter benutzten überdimensionalen Mobiltelefonen und aus Plastikfolien und -flaschen bestehenden Kostümen gibt es zahllose Anspielungen. Selten sind sie feinsinnig und tiefgründig. Das gilt auch für das ausgiebige Spiel mit den seltsamsten Masken oder für eine Klorollen-Szene. Ein Jahr nach dem ersten Lockdown ist man solcher Bilder ein wenig überdrüssig.

Als künstlerische Auseinandersetzung mit unserer Zeit sind Mei Hong Lins „Liebesbriefe“ nicht wirklich überzeugend, dazu wirken sie zu oberflächlich, hektisch und disparat. Aber gerade in dem großen Druck, den das hoch motivierte Tanzensemble auf die „Netzbühne“ bringt, zeigt sich wohl der eigentliche Wert dieser Produktion. Diese „Liebesbriefe“ sind vor allem ein Lebenszeichen aus einer schwierigen Zeit, ein gemeinsam getanzter Ruf: Wir sind da! Wir lassen uns weder wegsperren noch wegsparen! Vergesst uns nicht! Am 20. März stimmt dann die Musical-Sparte des Landestheaters Linz in den Ruf mit ein. Und zeigt Or Matias‘ Musical „The Wave“ als nächste Netzbühnen-Premiere.

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