Interesse, aber kein Boom: Instrumentenhandel im Lockdown

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Endlich mal Zeit, um ein Instrument zu lernen! Solche und ähnliche Pläne haben im vergangenen Pandemie-Jahr viele Menschen kundgetan. Doch hat sich das neue Hobby auch im heimischen Instrumentenhandel niedergeschlagen? Die Antwort ist durchwachsen, wie Gespräche mit Branchenvertretern zeigen. Obwohl der Online-Handel den Ausfall teilweise kompensierte, bleibt der Kauf von Gitarren, Klavieren und Co. weitgehend noch etwas für den stationären Handel.

Ein bewegtes Jahr hat Martin Richter, Geschäftsführer des Musikgeschäfts „Klangfarbe“ hinter sich. Dass der Instrumentenverkauf durch die Lockdowns boomen würde, wie es zuletzt hieß, „kann ich mehr als ausschließen“, sagt er im APA-Gespräch. Rund 50 Prozent betrug das monatliche Minus während der bisherigen Lockdowns, gerettet hätten ihn da - anders als kleinere Mitbewerber - der Online-Shop seines Unternehmens. Auch das Klavierhaus A. Förstl hat das Online-Angebot ausgebaut und konnte insgesamt sogar eine leichte Umsatzsteigerung verzeichnen.

Im Internet bestellt würden aber hauptsächlich digitale Tasteninstrumente wie Keyboards, Stagepianos oder Digitalklaviere. „Wir hatten noch im ersten Lockdown einen hohen Lagerbestand, von dem wir länger gezehrt haben“, erinnert sich Franz Fellinger, Geschäftsführer des Klavierhauses A. Förstl. Allerdings sei die Liefersituation von elektronischen Instrumenten derzeit „sehr angespannt“: „Wir disponieren Ware mittlerweile bereits fast ein Jahr vorher, um diese zeitgerecht zu erhalten. Zusammenfassend gibt es momentan ein großes Interesse der Kunden, aber es ist derzeit noch immer nicht alles lieferbar.“ Akustische Klaviere seien unterdessen „kein typisches Online-Produkt“, da Kunden diese Instrumente vor Ort ausprobieren, hören und testen wollen. „Man würde sich vermutlich kein Auto online kaufen, ohne jemals mit solch einem gefahren zu sein.“

Dass die Menschen ihre Instrumente auch bei einem Online-Kauf testen wollen, erlebte „Klangfarbe“-Chef Richter im vergangenen Jahr leidvoll. „Manche Leute bestellen sich eine Gitarre in zwei Farben und schicken dann beide zurück“, seufzt er. Das führe nicht nur zu mehr Aufwand, sondern auch zu möglichen Beschädigungen der Instrumente. In seinem Bereich sei der stationäre Handel nach wie vor äußerst wichtig: „Ich will ein Instrument berühren, ausprobieren und mich von einem Experten beraten lassen“, ist er überzeugt. Leute, denen das nicht wichtig sei, kauften ohnehin lieber Billig-Ware etwa über Amazon.

Das Klavierhaus Förstl hat von seinem schon vor der Pandemie funktionierenden Online-Shop profitiert, das Angebot aber auch ausgeweitet. Neben Express-Lieferungen innerhalb von Wien und einem im April etablierten Terminbuchungstool für persönliche Beratungen im Klavierhaus bietet man seit November auch virtuelle Beratungen an, um die Kunden auch während eines Lockdowns fachmännisch zu beraten. „Hauptsächlich werden virtuelle Beratungen von Kunden bei Interesse zu digitalen Klavieren, aber auch akustischen Einsteigerklavieren, in Anspruch genommen“, weiß Fellinger.

Einen Anstieg an Kunden haben beide Geschäfte nach den jeweiligen Schließungen erlebt. „Man hat gesehen, die Leute haben darauf gewartet“, lacht Richter. Zusammenfassend sagt auch Fellinger, dass während der Lockdowns viel weniger Klaviere verkauft wurden, wohingegen es vor bzw. kurz nach einer Schließung des Geschäfts immer ein großes Kundenaufkommen und entsprechend viele Kauf- bzw. Mietabschlüsse an jenen Tagen gab. Insgesamt habe es im Jahr 2020 „viele zeitliche Verschiebungen der Nachfrage“ gegeben, insgesamt war das Klavierhaus A. Förstl aber „sehr zufrieden“.

Bei „Klangfarbe“ hingegen fiel die Bilanz für 2020 allerdings ernüchternd aus. Dennoch habe Richter versucht, seine 50 Mitarbeiter so kurz wie möglich in der Kurzarbeit zu belassen. Stattdessen habe er auf Beschäftigung gesetzt und etwa in die Adaptierung der Räumlichkeiten sowie die Entwicklung eines neuen Online-Shops investiert. „So waren die Mitarbeiter beschäftigt, haben einen Sinn in ihrer Tätigkeit gesehen und bleiben dem Unternehmen verbunden“, so Richter.

Finanziell problematisch war der Umstand, dass der Handel mit Musikinstrumenten in den Bereich der Möbel-Häuser falle, weshalb er nur einen Umsatz-Ersatz von 20 Prozent bekomme. Zudem sei er erst 2018 zum Geschäftsführer geworden und habe im Zuge dessen mehrere Unternehmen fusioniert. „2020 dachte ich dann, es kann jetzt endlich losgehen! Tja“, seufzt Richter. Auch Fellinger schickte sein Verkaufspersonal in Zeiten des Lockdowns zum Teil auf Kurzarbeit und nahm den Umsatzersatz für die letzten zwei Lockdowns in Anspruch, um die Einbußen in diesen Monaten etwas zu kompensieren. Mit der Höhe des Umsatzersatzes war das Klavierhaus A. Förstl allerdings zufrieden.

Dass sich das Interesse an Instrumenten mittelfristig gut entwickeln könnte, glaubt Richter schon allein deshalb, „weil heuer ohnehin niemand auf Urlaub fahren kann“. Zudem würden sich Menschen in Zeiten der Krise wieder verstärkt auf sich selbst konzentrieren und sich etwas Gutes tun. „Und dass das Spielen eines Instruments das bewirken kann, ist evident.“ Auch Fellinger sieht das ähnlich: „Es scheint, als hätten tatsächlich viele Leute (wieder) die Liebe zum Klavierspielen in den eigenen vier Wänden entdeckt.“

Weniger Hoffnung hat allerdings Richter - im Gegensatz zu seinem Kollegen Fellinger - bei jungen Menschen: „Beim Musizieren ist das Erfolgserlebnis nicht sofort da, wie etwa bei einem Computerspiel.“ Er selbst ist übrigens am ersten Tag nach dem Lockdown selbst an der Kasse gestanden: „Ich wollte diese Atmosphäre hautnah spüren.“


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