Sing-Verbot: Chorverbands-Präsident sieht Lage „dramatisch“

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G‘sungen und g‘spielt wird in Österreich schon lange nicht mehr. Die Anti-Corona-Maßnahmen verbieten es. Während der Profi-Musikbetrieb mit Übertragungen oder Streamings eine gewisse Präsenz im öffentlichen Bewusstsein erhalten kann, herrscht für die Amateure Probe- und Aufführungsverbot. „Die Lage ist dramatisch“, sagt Karl-Gerhard Straßl, Präsident des Chorverbands Österreich. Es gebe weder Perspektive noch gefühlte Gleichbehandlung. Denn Sport ist teilweise wieder erlaubt.

Über 3.500 Chöre gibt es in Österreich, „um 50 Prozent mehr als es Fußballvereine gibt“, unterstreicht Straßl die gesellschaftliche Bedeutung des gemeinschaftlichen Singens, das alle Bereiche der Gesellschaft einschließt. Jung und alt singen, Frauen wie Männer. Die Tiroler Wirtschaftstreuhänder singen ebenso wie die niederösterreichischen Jägerinnen. Der Jurist Straßl, im Brotberuf Leiter der Abteilung „Organisationsrecht und Berufungsmanagement“ an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw), leitet selbst zwei Chöre, die Wiener Sängerrunde und den Verwaltungschor der mdw. Über 100.000 Sängerinnen und Sänger sind im Chorverband erfasst. „Dadurch haben wir einen sehr guten Überblick. Wir bekommen Unmengen von Mails und spüren eine enorme Sehnsucht, dass es endlich wieder losgeht. Die Menschen leiden unter der Situation und sind traurig. Das Durchhalten wird spürbar schwieriger.“

Nach dem ersten Lockdown Mitte März hat der Chorverband Empfehlungen für einen sicheren Probe- und Konzertbetrieb ausgearbeitet und diese Ende Mai veröffentlicht. „Das hat dann in der Praxis wunderbar funktioniert.“ Als erster in Europa gab der Chorverband eine wissenschaftliche Untersuchung mit fotografischer Darstellung der Ausbreitung von Atemluft-Wolken beim Singen in Auftrag, die nachwies, dass das Ansteckungs-Risiko überschaubar ist und mit einfachen Maßnahmen minimiert werden kann. „Das Singen ist von Anfang an zu Unrecht verteufelt worden. Seither habe ich mindestens 50 Studien gelesen, die uns recht geben: Singen ist so sicher wie Sprechen. Wenn man sich an bestimmte Regeln hält.“

Dennoch gilt der seit Anfang November verordnete Kultur-Lockdown auch für Chöre. Proben bzw. Aufführungen ohne Publikum sind nur den Profis oder jenen semi-professionellen Chören wie dem Wiener Singverein oder der Wiener Singakademie erlaubt, die fix in eine Institution integriert sind. „Von der Politik hören wir nur: Wir müssen vorsichtig sein! Der Politik geht es als erstes um die Ermöglichung der Berufsausübung. Abgesehen davon, dass Amateurmusik auch kein geringer Wirtschaftsfaktor ist, vergisst man die unglaublich positiven psychischen und sozialen Auswirkungen des gemeinsamen Singens, die unzählige Male nachgewiesen wurden“, so Straßl im Gespräch mit der APA.

Ganz auf taube Ohren stoße man in der Politik allerdings nicht, gibt der Chorverbands-Präsident zu. Beim NPO-Fonds konnten auch Gesangsvereine um Unterstützung ansuchen, und kürzlich konnte bei den Lockerungen in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit erreicht werden, dass nicht nur Vereinssport, sondern auch Singen unter gewissen Voraussetzungen möglich ist. „Das war ein erster kleiner Erfolg, und wir hoffen sehr, dass bei Lockerungen für Veranstaltungen auch wir dabei sein werden.“ Die Konzepte dafür hat der Verband längst ausgearbeitet. Singen im Freien, zwei Meter Abstand, kleinere Gruppen und regelmäßige Testungen zählen dabei zu den wichtigsten Punkten. „Wir sind dazu bereit und gut vorbereitet. Denn wir wissen: Mit Singen hat man mehr vom Leben!“

Damit das auch die Nicht-Sänger wissen, startet man noch im März eine Imagekampagne. In einer Podcast-Serie sollen Wissenschafter und Profi-Sänger wie Daniela Fally oder Michael Schade auf ein baldiges Einsingen einstimmen. Der Slogan lautet: „Singen STIMMT!“

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