Tod ist Tod: Franz Schuhs neues Buch „Lachen und Sterben“

  • Artikel
  • Diskussion

„Lachen und Sterben“ heißt das neue Buch von Franz Schuh. Der Titel habe „mit dem Coronavirus gar nichts zu tun“, beteuert der Autor, „und es ist sogar wahr, dass mir das Virus gar nicht ins Konzept passt“. Wahr ist auch, dass Schuh, der vor wenigen Tagen seinen 74. Geburtstag gefeiert hat, diesen fast nicht erlebt hätte. Als er im vergangenen Jahr ins Spital (nicht mit Covid-19) eingeliefert wurde, habe der diensthabende Arzt ihm wenig Überlebenschance gegeben, so Schuh.

„Der Freundin teilte er mit, dass mein Tod wahrscheinlich wäre, und er fügte hinzu: ‚Er hat sich ja immer für den Tod interessiert.‘ Ja, das stimmt, und auch der Tod hat sich für mich interessiert“, schreibt Schuh im Eingangs-Essay seines Buches, dessen inhaltliche Klammer der Umgang mit dem Schicksal darstelle. Man könne versuchen, es anzunehmen und zu lieben, oder die Chance ergreifen, „dasselbe Schicksal auszulachen und entsprechend dramatisch lachend unterzugehen“. Schuh ist nicht untergegangen. Gelacht wird in seinem Buch freilich mehr in der Theorie als in der Praxis.

„Der Tod im Haus / lässt gar nichts aus. / Auf Stiege zwei / bricht er mein Herz entzwei.“ So beginnt sein Gedicht „Der Tod im Haus“, von dessen Ablehnung durch einen Literatur-Redakteur Schuh berichtet, weil es „unvermittelt, also ohne die künstlerisch gebotene Indirektheit“, auf das Coronavirus anspiele. „Das Virus gab es aber gar nicht, als ich das Gedicht schrieb“, und eigentlich geht es mindestens genauso um den Tod, den ein Haus erlitten hat, nämlich das unvermittelt abgerissene Nachbarhaus.

In den Texten, von denen manche bereits anderswo abgedruckt waren, befasst sich Franz Schuh u.a. mit Heinz Conrads und Harald Schmidt, Helmut Qualtinger und Georg Kreisler, Karl Kraus und Elias Canetti, Georg Ringsgwandl und Lukas Resetarits. „Ich wollte mir einen anschaulichen Begriff über das Lachen bilden - eine nicht abzuschließende Aufgabe“, schreibt Schuh. Andererseits sei „Lachen und Sterben“ eine „Hommage an das Jahr 2020. Ich höre dort auf, wo ich 2020 angefangen habe.“

Der Band schließt mit einem veritablen Drama. „Todesengel. Ein Lesetheater“ spielt in eine Spital und versammelt Patienten, Ärzte und Pflegepersonal zu einer Art klinischer Vorhölle, bei deren absurder Ausgestaltung man unweigerlich an Wolfgang Bauers „Minidramen“ denkt, wenn etwa „das Sextett des Wiener Gesundheitsverbunds“ „vier Vortragskünstler des Burgtheaters“, zwei Judokas, „ein riesiges Huhn mit dunkelbraunem Gefieder“ und im Finale auch der „Leiter des Instituts für Anlügeberatung“ ihre Auftritte haben.

„Ein Gedicht, ein Gedicht“ wird in diesem Finale dringlich gefordert, ehe das Chaos ausbricht und der Vorhang fällt. Gedichte legt Franz Schuh in „Lachen und Sterben“ in der Tat jede Menge vor, und das ist vielleicht die größte Überraschung. Manche sind in Wiener Mundart und handeln von der Ersten Liebe, von Selbstmord oder vom Ertrinken in der Alten Donau, andere versuchen sich mit Erfolg an den verschiedensten Formen vom Blues bis zum Chanson. Manchmal darf gelacht werden, und nicht selten wird gestorben. Etwa der Vater, der nur an den Herztod glaubte und doch an einer Lungenentzündung starb. „Tod ist Tod, / sage ich heute, da darf man nicht / wählerisch sein.“

(S E R V I C E - Franz Schuh: „Lachen und Sterben“, Zsolnay Verlag, 336 Seiten, 26,80 Euro)


Kommentieren


Schlagworte