Symptome der Pandemie: Explosion bei Cybercrime und häuslicher Gewalt

Im Vorjahr ging die Zahl der Anzeigen in Tirol stark zurück. Viele Verbrecher wichen, wohl auch wegen Corona, ins Internet aus. Stark zugenommen haben die Fälle häuslicher Gewalt.

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Im Frühsommer 2020 wurden in Tirol, wie hier im Bild in Hopfgarten im Brixental, mehrere Bankautomaten gesprengt. Überfälle auf Banken oder Juweliere gab es dafür keinen einzigen.
© APA/ZOOM.TIROL

Von Benedikt Mair

Innsbruck – Es sind Symptome der Pandemie. Die Zahl der Anzeigen ist in Tirol im Vorjahr um fast 12 Prozent gesunken, besonders markant war der Rückgang bei den Eigentumsdelikten. Zugenommen haben Verbrechen, die im Internet begangen wurden. Und Fälle häuslicher Gewalt. Das geht aus der gestern präsentierten Kriminalstatistik hervor.

📽️ Video | Mehr Gewaltverbrechen zu Hause:

„Corona hat gewaltige Auswirkungen gehabt. Und hat sie nach wie vor“, sagte der Tiroler Landespolizeidirektor Edelbert Kohler. Das Virus und seine Folgen hätten „nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass die Zahl der Straftaten abgenommen hat“. Im Vorjahr wurden insgesamt 35.967 Straftaten zur Anzeige gebracht – verglichen mit dem Jahr 2019 (40.839 Anzeigen) ist das ein Rückgang um 11,9 Prozent. „Viele Täter waren im Home-Office“, meinte Kohler.

Edelbert Kohler
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© LPD Tirol

Besonders sichtbar wird das bei den angezeigten Eigentumsdelikten – 8951 waren es und damit um mehr als ein Viertel weniger als im Jahr zuvor (2019: 12.175). Abgenommen haben die Autodiebstähle (-29,2 Prozent) ebenso wie Ladendiebstähle (-25,4 Prozent) oder Taschen- und Trickdiebstähle (-51,4 Prozent), Einbruchsdiebstähle in Gewerbe- und Industriestätten (-42,1 Prozent), in Wohnungen und Wohnhäuser (-10,2 Prozent) oder in Restaurants, Bars und Hotels (-14,1 Prozent). Ausreißer in dieser Reihe: die Einbruchsdiebstähle in Keller, die von 91 auf 129 und damit um 41,8 Prozent anstiegen. Auffällig: In Tirol gab es im Vorjahr keinen Überfall auf eine Bank oder einen Juwelier, allerdings wurden mehrere Bankautomaten gesprengt.

Es war zu erwarten, dass durch die Lockdowns die Zahl der Gewaltdelikte in die Höhe schnellen wird.
Edelbert Kohler (Landespolizeidirektor)

Während im Bereich der Eigentumskriminalität nur in 28,4 Prozent aller Fälle der Täter oder ein Tatverdächtiger ermittelt werden konnte, lag die Aufklärungsquote umgelegt auf die Gesamtkriminalität bei 62 Prozent – das sind um drei Prozent mehr als noch im Jahr 2019. Es ist bundesweit der zweitbeste Wert, knapp hinter Vorarlberg, wo 62,2 Prozent aller Verbrechen geklärt werden konnten. Innsbruck liegt mit einer Quote von 64,9 Prozent an erster Stelle unter allen österreichischen Landeshauptstädten. Zurückzuführen sei das auf „gute Tatortarbeit und engagierte Mitarbeiter“, erklärte Stadtpolizeikommandant Romed Giner.

Cybercrime ist ein sehr diffiziles und umfassendes Feld. Im Internet werden Menschen leicht zu Opfern.
Katja Tersch (LKA-Chefin)

„Es war zu erwarten, dass durch die Lockdowns die Zahl der Gewaltdelikte in die Höhe schnellen wird“, sagte Landespolizeidirektor Kohler. Und diese bereits zu Beginn der Pandemie oft geäußerte Sorge wurde durch die Kriminalitätsstatistik bestätigt. 1340 Fälle von häuslicher Gewalt wurden im Vorjahr zur Anzeige gebracht – ein Anstieg von 16,3 Prozent (2019: 1152). Trotz dieses Zuwachses meinte Kohler, dass „die Befürchtung einer Gewaltexplosion im privaten Bereich nicht so passiert ist, wie sie vielleicht vermutet wurde“.

Katja Tersch.
© LPD Tirol

An Bedeutung zugelegt hat die Internetkriminalität – ein Trend dazu hatte sich allerdings schon vor Corona abgezeichnet. 2020 wurden 2519 Verbrechen „mit dem Tatort Internet angezeigt“, erklärte Katja Tersch, Leiterin des Landeskriminalamtes (LKA). Das ist ein Plus von 14,9 Prozent im Vergleich zum Jahr zuvor (2019: 2192). Beispielsweise nahmen digitale Betrügereien um 24,8 Prozent zu (2020: 1602; 2019: 1284). „Cybercrime ist ein sehr diffiziles und umfassendes Feld“, meinte Tersch. „Im Internet werden Menschen leicht zu Opfern.“ Die Polizei arbeite derzeit sowohl an operativen wie auch präventiven Maßnahmen, um der Entwicklung entgegenzuwirken, versicherte Tersch.

📊 Zahlen und Fakten

35.967 Anzeigen wurden im Vorjahr in Tirol verzeichnet – das sind um 11,9 Prozent weniger als noch im Jahr 2019, als 40.839 Straftaten gemeldet wurden.

62 Prozent der registrierten Delikte konnten im Vorjahr auch tatsächlich aufgeklärt werden. Die Aufklärungsquote stieg damit im Vergleich zum Jahr 2019 um drei Prozentpunkte an. Bundesweit liegt Tirol damit im Spitzenfeld. Nur Vorarlberg (62,2 Prozent) kommt mehr Tätern auf die Schliche.

40,4 Prozent aller ausgeforschten Tatverdächtigen besaßen keine österreichische Staatsbürgerschaft (2019: 43,1 Prozent). Die Deutschen sind auf der Liste der angezeigten Nicht-Österreicher mit Abstand Spitzenreiter (2534), gefolgt von Rumänen (750), Türken (716) und Italienern (581).

702 Menschen wurden laut Polizei durch das Aussprechen eines Betretungsverbotes geschützt. Stark zugenommen haben die Fälle von häuslicher Gewalt – um 16,3 Prozent auf 1340 Delikte.

4495 Suchtmitteldelikte wurden im Vorjahr in Tirol registriert – ein Plus von 6,2 Prozent. Beim Gros der Angezeigten handelt es sich um Abnehmer. Ein Schlag gegen den organisierten Drogenschmuggel gelang der Polizei allerdings im Juli 2020 im Bezirk Kufstein. In einem Laster entdeckten Beamte 100 Kilogramm Marihuana.

2519 digitale Straftaten wurden 2020 angezeigt. Die Internetkriminalität stieg damit im Vergleich zum Vorjahr um 14,9 Prozent an.

🔗 Weniger Anzeigen, mehr häusliche Gewalt, hohe Aufklärungsquote in Tirol

Im Juli wurden 100 Kilo Marihuana in einem Lkw entdeckt.
© LPD Tirol

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