„The Wave (Die Welle)“ am Landestheater Linz uraufgeführt

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Die Welturaufführung eines Auftragswerks ins Internet zu verlagern, anstatt mit dem Premierenpublikum zu feiern, ist wohl selbst in Pandemiezeiten keine leichte Entscheidung gewesen. Dass die Emotionen aber durchaus ins Wohnzimmer überschwappen können, bewies das Landestheater Linz Samstagabend mit Or Matias“ Musical „The Wave (Die Welle)“, der zweiten Online-Premiere auf der „Netzbühne“.

Die Handlung des Musicals basiert auf einem Sozialexperiment des Geschichtelehrers Ron Jones aus dem Jahr 1967: Seine Schüler können nicht nachvollziehen, wie das faschistische Regime in Deutschland entstehen konnte. So beschließt er, es ihnen mithilfe eines Experiments zu demonstrieren und gründet die Bewegung „Die Welle“, aufbauend auf Disziplin und Gemeinschaftsgefühl. Binnen weniger Tage läuft das Ganze jedoch aus dem Ruder und Jones muss sich nicht nur eingestehen, wie sehr ihn „Die Welle“ selbst mitgerissen hat, sondern hat auch alle Hände voll zu tun, den Schülern klarzumachen, wie sehr sie sich genau wie die „normalen Leute“ aus dem Dritten Reich von der Atmosphäre und den (leeren) Versprechungen haben verführen lassen.

Or Matias schuf aus diesem Stoff ein Auftragswerk für das Landestheater Linz. In seinem Musical (Inszenierung: Christoph Drewitz) entsteht das Experiment weniger aus dem Unverständnis der Schüler für den Nationalsozialismus heraus, sondern Lehrer Ron (Christian Fröhlich) stellt gleich zu Beginn klar: „Um Menschen wie euch geht es in meinem Kurs: schwach, durchschnittlich, beeinflussbar“. Der Großteil der Klasse lässt sich, nicht zuletzt durch die versprochenen guten Noten, auf „Kraft durch Disziplin! Kraft durch Zusammenhalt! Kraft durch Taten! Kraft durch Stolz!“ einschwören. Nur Ella (Hanna Kastner), Musterschülerin und kritischer Geist, entzieht sich dem Sog. Sie ist es letztendlich auch, die sich als „Wellenbrecherin“ einsetzt, Ron wachrüttelt und so dafür sorgt, dass das Experiment ein jähes Ende findet.

Als Zuseher fühlt man sich direkt in eine Schulklasse hineinversetzt, so authentisch verkörpern die Darsteller die jugendlichen Charaktere: Neben Ella sind da der schüchterne Robert (Lukas Sandmann), den das Gemeinschaftsgefühl der „Welle“ aus seinem Schneckenhaus herausholt, Jess (Celina dos Santos), die sich hinter diesem Namen versteckt, James (Samuel Bertz), der Junge aus wohlhabendem Haus, der letztendlich doch weniger angepasst ist, als es zuerst scheint und Basketballstar Stevie (Malcolm Henry), dem sein schulisches Versagen weniger egal ist, als er vorgibt.

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Dem Online-Format gelingt es, die Emotionen, allen voran Roberts Verzweiflung am Ende, zu transportieren – nicht zuletzt durch die Nahaufnahmen, die die Mimik deutlicher als auf den hinteren Theaterrängen zur Geltung bringen. Gleichzeitig rückt so aber etwas aus dem Fokus, was Theater im Unterschied zum Film ausmacht: der Blick auf die Bühne als Gesamtes, die Darsteller im Hintergrund, das Bühnenbild.

„The Wave (Die Welle)“ entpuppt sich als Musical ohne großen Ohrwurmcharakter, dafür mit einem aktuellen Thema, heute wie einst. Der Stream kann einen Theaterbesuch nicht ersetzen, macht aber Lust darauf, sich bald wieder vor Ort im Theater von einer musikalischen Welle forttragen zu lassen.

zum Download bereit.)


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