Dirigentin Gaigg über die Ungewissheit: „Motivation leidet“

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„Als ich jünger war, habe ich immer versucht ‚Visionen‘ zu realisieren. Jetzt lasse ich mich eher spontan inspirieren. Vieles, von dem ich geträumt habe, konnte ich umsetzen.“ Dirigentin Michi Gaigg hat auch in der Coronakrise ihre Zuversicht nicht verloren - und das, obschon ihr L‘Orfeo Barockorchester 25-jähriges Bestehen in der Pandemie feiern muss. „Aber ich bin ein sehr optimistischer Mensch - was ich nicht immer war“, zeigt sich die Maestra im APA-Gespräch wohlgemut.

„Es gab auch Zeiten mit Traurigkeit. Aber das Schöne am Leben ist: Jetzt weiß ich, dass es immer wieder weitergeht und auch die guten Zeiten kommen. Das ist ein sehr schöner Aspekt am Älterwerden“, meint die 63-jährige Dirigentin, die aus Schörfling im Salzkammergut stammt und nach dem Studium der Violine am Mozarteum 1983 mit L‘Arpa Festante München ihr erstes Orchester gründete, dessen Leitung sie bis 1995 innehatte. 1996 rief sie dann das L‘Orfeo Barockorchester ins Leben, an dessen Spitze sie bis heute steht.

Was macht eine Dirigentin im Lockdown, der ja ihr ureigenstes Werkzeug, das Orchester, genommen ist? „Ich habe ja immerhin meine Geige, mit der ich täglich übe“, meint Gaigg, die auch bei Auftritten mit dem L‘Orfeo beim barocken Repertoire noch zur Violine greift: „Bei den späteren Epochen wird die gemeinsame Geste dann wichtiger - dann dirigiere ich.“

Momentan bleibt aber nichts anderes übrig, als sich auf künftige Vorhaben vorzubereiten. „Allerdings merke ich, dass mittlerweile die Motivation doch etwas darunter leidet, dass man nie weiß, ob es wirklich etwas wird mit dem Programm. Aber auch wenn wir immer nur im Zwei-Wochen-Rhythmus die neuen Entscheidungen von der Politik hören, muss man sich ja stets vorbereiten.“

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Hinzu kommt die finanzielle Frage. Immerhin hat man aus dem Fonds des Kulturministeriums für Non-Profit-Organisationen (NPO) Mittel bezogen, der Förderverein des Orchesters hat diesem die Stange gehalten, und auch die Förderungen von Land und Stadt wurden ohne Auftritte fortgezahlt. Allerdings erhalte man von der öffentlichen Hand nur um die 30.000 Euro im Jahr, was gerade einmal die Bürokosten deckt. Der Rest muss selbst erwirtschaftet werden.

Insofern hat Gaigg zur Klage vieler Institutionen nach Öffnungsperspektiven unter strengen Auflagen eine eigene Sicht: „Ich finde es gut, wenn großen, subventionierten Institutionen wie dem Burgtheater oder dem Konzerthaus ermöglicht wird, mit ihren Präventionskonzepten zu spielen. Bei kleineren Veranstaltern ist das Problem bei der beschränkten Platzkapazität aber schlicht, dass sie es sich nicht leisten können. Wir können als Orchester nicht ohne Honorar spielen.“

Die Situation trifft gerade junge Kolleginnen und Kollegen oftmals mit voller Wucht. „Als Künstler ohne irgendeine Anstellung ist es extrem schwierig. Ein freischaffender Musiker hat keine Rücklagen“, macht Gaigg deutlich: „Bei Orfeo gibt es zwar noch niemanden, der vollständig auf einen anderen Beruf umsatteln musste. Aber Fälle, in denen jemand bereits sein Auto verkaufen musste, gibt es durchaus.“

Dabei leidet aber auch die gemeinsame Arbeit, ist doch das L‘Orfeo ein Orchester, das nur für konkrete Projekte zusammenkommt, sind die Musikerinnen und Musiker beileibe nicht nur in Linz angesiedelt, sondern reisen aus Finnland, Tschechien oder der Schweiz an - normalerweise. Man versucht eben, das Beste aus der Situation zu machen. „Wir haben uns zumindest manchmal zum Zeitpunkt eines ausgefallenen Konzerttermins auf Zoom getroffen und miteinander geplaudert“, versucht Gaigg auch in Covid-Zeiten, das Gruppengefühl aufrechtzuerhalten. Denn persönlich ist man seit zwei realisierten Projekten im September nicht mehr zusammengekommen. „Das tut schon ein bisschen weh.“


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