Perez: Gegen Verstappen, das Image und die alten Geister

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Das Formel-1-Team Red Bull hofft, mit Sergio Perez endlich einen zweiten konstant schnellen Mann hinter Max Verstappen gefunden zu haben. Anders als seine Vorgänger soll der 31-jährige „Reifenflüsterer“ aus Mexiko das Auto im Griff haben und dem österreichisch-britischen Rennstall mehr strategische Optionen bieten. „Ich weiß, dass ich eine Möglichkeit habe, die nur einmal im Leben kommt“, sagte Perez vor dem Saisonauftakt am kommenden Sonntag in Bahrain.

Sergio Michel Perez Mendoza, Spitzname Checo, steht vor seiner wohl letzten großen Chance. Nach sieben Jahren bei Force India/Racing Point sitzt er doch noch einmal in einem siegfähigen Auto in der bekanntesten Rennserie der Welt. 2013 folgte er Lewis Hamilton bei McLaren nach, was fürchterlich schiefging. Dass es noch einmal für ein Topteam reichen würde, mag ihn deshalb selbst überrascht haben. Jedenfalls betont Perez angesichts seines neuen Jobs: „Ich sehe es so: Ich habe absolut nichts zu verlieren.“

Die Zielsetzung bei Red Bull ist Perez klar. „Jeder, der hier arbeitet, ist darauf programmiert zu gewinnen. Gewinnen ist alles.“ Den ersten Konkurrenten hat er mit dem Niederländer Verstappen im eigenen Team. „Seit ich wusste, dass ich zu Red Bull komme, wusste ich auch, dass ich mit Max eine große Herausforderung haben würde“, sagte Perez im Podcast „Beyond The Grid“. „Aber das wollte ich auch. Ich möchte mich mit den Besten im Sport messen.“ Klar ist für Perez, dass „Max ein sehr kompletter Fahrer“ ist. Offen ist hingegen, wie sich die Symbiose der zwei Piloten auf das Teamklima auswirken wird.

Teamchef Christian Horner beschrieb Perez als „super-motiviert. Er weiß, das ist die größte Chance in seiner Laufbahn, und will sie mit beiden Händen ergreifen.“ Der Brite zeigte sich begeistert von dem, was er bis jetzt von dem Neuankömmling gesehen habe. Wie lange der Mexikaner bei Red Bull bleiben könnte, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. „Es gibt keinen Automatismus, dass es nur ein Ein-Jahres-Deal ist“, sagte Horner über Perez‘ Vertrag. „Es kommt darauf an, wie er sich ins Team einfügt, was er abliefert. Er hat es selbst in der Hand.“

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Im Vorjahr hat Perez das absurd anmutende Pannenserien-Rennen von Bahrain gewonnen. In seinem 190. Grand Prix jubelte er als erster Mexikaner seit Pedro Rodriguez 1970 (Spa-Francorchamps) über einen Sieg im Motorsport-Olymp - und war zu diesem Zeitpunkt dennoch eine tragische Figur. Denn er steuerte auf eine cockpitlose Zeit in der Formel 1 zu. Sein Rennstall hatte zuvor den Wandel zum Elitären ausgerufen: aus Racing Point wurde Aston Martin, aus Perez ein vierfacher Weltmeister - Sebastian Vettel.

Sein Aus hat sich Perez, der noch einen über die Saison hinaus gültigen Vertrag besessen hatte, gewiss versilbern lassen. Das liebe Geld, das Fahrer gerade fürs Rundendrehen bei langsameren Teams mitbringen müssen, hat ihm vor mittlerweile zehn Jahren die Tür zur Königsklasse aufgestoßen. Zeit seines Lebens als Rennfahrer wurde Perez unterstützt vom Mexikaner Carlos Slim, dem laut „Forbes“-Magazin zwölftreichsten Menschen der Welt, und dessen Telekommunikations-Giganten Telmex.

Seither ist der Name Sergio Perez verbunden mit der verpönten Spezies der „Pay Driver“, der Bezahlfahrer, über die immer dann besonders laut gestritten wird, wenn sie auf der Strecke Unfug anstellen oder mangels Talent hinterherfahren. Doch niemand muss mit gefüllten Geldtaschen zu Red Bull. Perez verfügt über Fähigkeiten, die ihn ein Jahrzehnt in der Formel 1 überdauern ließen und auch im gehobeneren Alter für ein Topteam interessant machten.

„Das, was man ihm nachgesagt hat, teilweise ein Reifenflüsterer zu sein, hat sich bewahrheitet“, sagte Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko zuletzt gegenüber dem „Motorsportmagazin“. „Er merkt sofort, wenn er sie überfährt. Da gehen wir davon aus, dass er im Rennen sehr stark sein wird.“

Vor 14 Jahren war Marko noch so gar nicht überzeugt. Nach einer einzigen Sichtung für das Formel-3-Programm von Red Bull war für Perez Schluss. Das Argument, dass er wegen eines Problems mit dem Sitz nicht richtig lenken konnte, verhallte ungehört in Markos Ohren.

Eine gewisse Anlaufzeit wird auch diesmal vonnöten sein. „Die Aufhängung ist komplett anders, die mechanische Balance und auch die Aerodynamik. Alles ist ganz anders“, sagte Perez über den RB16B - eine Weiterentwicklung des Vorjahresmodells. Nach nur drei Testtagen, die er sich zudem mit Verstappen teilen musste, wusste er von einem Renner mit „viel Potenzial“ zu berichten und der Erkenntnis: „Ich bilde noch keine perfekte Einheit mit dem Auto.“ Zudem steht hinter seiner Performance im Qualifying, das nicht zu den größten Stärken des kampfeslustigen Mexikaners zählt, noch ein Fragezeichen.

Wunderdinge erwartet sich Perez für den Auftakt keine. „Es ist nicht wichtig, wo man in Bahrain anfängt. Es geht darum, wo man in Abu Dhabi aufhört.“ Ein Ultimatum, um den Boliden vollständig zu verstehen, setzte er sich dennoch. „Fünf Rennen sind ein gutes Ziel.“ Demnach will er im Großen Preis von Aserbaidschan am 6. Juni in Baku erstmals richtig daran gemessen werden, wie er seine zweite „einmalige Chance“ verwertet.


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