Bachmann-Preisträgerin Schubert beschreibt ein ganzes Leben

  • Artikel
  • Diskussion

„Vom Aufstehen“ hieß der Text, mit dem die damals 80-jährige deutsche Autorin Helga Schubert im vergangen Sommer beim virtuellen Wettlesen den Ingeborg-Bachmann-Preis errang. Ein dreiviertel Jahr später ist nun ihr nächstes Buch erschienen: „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“. Der preisgekrönte Klagenfurt-Text ist die letzte von 29 Geschichten, die ein ganzes Leben beschreiben, von der Nachkriegszeit über die DDR bis ins heutige Deutschland.

Es sind leise und behutsame, keine virtuosen Erzählungen, die hier versammelt sind, und es wird immer wieder deutlich, wie sehr die 1940 Geborene, die an der Humboldt-Universität Psychologie studierte, doch ihre Bestimmung in der Literatur fand, an den Rahmenbedingungen litt, die aus dem Arbeiter- und Bauernstaat ein Gefängnis für freies Denken und Schreiben machten: „Ich bin ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung.“

Die Geschichte hat es nicht gut gemeint mit Helga Schubert. Und doch erzählte schon ihre beim Bachmann-Preis vorgetragene Erzählung von den drei Heldentaten ihrer Mutter, die nötig waren, damit die Tochter überhaupt erwachsen werden konnte: Sie habe sie nicht abgetrieben, sie am Ende des Zweiten Weltkriegs im Flüchtlingstreck aus Hinterpommern, wohin sie aus dem unter Bombenangriffen leidenden Berlin geflüchtet waren, in einem dreirädigen Kinderwagen bis zur Erschöpfung mitgeschoben, und sie habe das Mädchen gegen die Anordnung des Großvaters „nicht vergiftet oder erschossen, als die Russen in Greifswald einmarschierten“.

„Das ist eigentlich kein autobiografischer Text. Es ist ja alles Material“, hatte Schubert im APA-Siegerinterview gemeint. Dieses Material wird in ihren Erzählungen immer wieder neu arrangiert und verarbeitet. Das macht es einerseits etwas redundant, auf der anderen Seite wird der literarische Zugriff dadurch sichtbarer. Wenn sie etwa mitunter von der Mutter und der Tochter schreibt, die doch sie selbst ist, dann ist das ein Abspaltungs- und Distanzierungsvorgang, den sie aus ihrer Praxis als Psychotherapeutin wohl gut kennt. Die Mutter, die erst vor wenigen Jahren 101-jährig verstarb, ist übermächtig präsent in den Geschichten, als Reibebaum und als Echoraum. Ein im Streit gesagter Satz der Mutter schwingt bis an ihr Totenbett nach: „Wenn du doch damals nach der Flucht gestorben wärst.“ Eine Pastorin beruhigt sie schließlich: Das vierte Gebot verlange, Vater und Mutter zu ehren, nicht sie zu lieben.

Und so macht dieses „Leben in Geschichten“ einen Bogen vom Überlebenskampf der ersten Jahre über die politischen Kämpfe einer mutigen und hartnäckigen Frau, die sich in der DDR von der Partei nicht auf Linie bringen lassen will und die in der Wendezeit keine unwesentliche Rolle spielt (besonders lesenswert ist ihre Erzählung vom Tag des Mauerfalls) bis zum alltäglichen Kampf der letzten Lebensjahre eines Menschen. „Nicht Angst vor dem Alter, nicht Angst vor Siechtum und Tod, sondern: alt sein.“ Versöhnung ist aber möglich, lehrt uns die Lektüre dieses Bandes, mit den Menschen und mit den Umständen. Folgerichtig lautet der Schlusssatz: „Alles gut.“

(S E R V I C E - Helga Schubert: „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“, dtv, Hardcover, 224 Seiten, 22,70 Euro)


Kommentieren


Schlagworte