Zahl der Toten in Myanmar steigt - Anschlag auf NLD-Zentrale

Die Zahl der Toten durch die Militärgewalt in Myanmar steigt weiter. Nach Schätzungen der Gefangenenhilfsorganisation AAPP sind seit dem Putsch vom 1. Februar mindestens 320 Menschen gestorben, davon elf allein am Donnerstag. Laut AAPP ein Viertel davon durch Kopfschüsse. Die Militärregierung drohte den Demonstranten am Freitag offen: „Sie sollten lernen, dass man Gefahr läuft, in den Kopf und den Rücken geschossen zu werden“, hieß es über das staatliche Fernsehen MRTV.

Min Aung Hlaing, der Chef der Junta in Myanmar, erklärte jedoch in einer Rede in der Hauptstadt Naypyitaw, das Militär wolle das Volk beschützen und nach Demokratie streben. „Die Armee will sich mit der ganzen Nation zusammentun, um die Demokratie zu sichern“, sagte er am Samstag in einer Live-Übertragung im staatlichen Fernsehen. Der General betonte, dass Gewalthandlungen, die die Stabilität und Sicherheit beeinträchtigen würden, unangebracht seien. In seiner Ansprache bei der jährlichen Parade zum Tag der Armee begrüßte er die Anwesenheit russischer Streitkräfte und sagte, dass Russland ein „wahrer Freund“ sei. Der Junta-Chef wiederholte sein Versprechen, nach dem Militärputsch Wahlen abhalten zu wollen.

In Taunggyi im zentralen Shan-Staat wurden laut einer Mitteilung der Gefangenenhilfsorganisation AAPP zuletzt vier Zivilisten erschossen und viele weitere verletzt, als Einsatzkräfte „Wohngebiete in eine Kampfzone“ verwandelten. Soldaten seien auch in Häuser eingedrungen und hätten viele überwiegend junge Leute festgenommen, so AAPP. Weitere Tote gab es am Donnerstag in der nördlichen Region Mandalay, im zentralen Sagaing und im südlichen Bago. Auch am Freitag hielten die landesweiten Proteste gegen die Junta an. Dabei wurden vier Tote aus der Stadt Myeik im Süden des Landes gemeldet.

„Dieser Krieg ist erst zu Ende, wenn wir ihn gewonnen haben“, sagte ein Aktivist, der anonym bleiben wollte, bei einer Demo in der Nähe der berühmten Sule-Pagode in der größten Stadt Yangon. „Wir hören nicht auf, bis es Freiheit und Gerechtigkeit gibt.“

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Am Freitag in der Früh verübten Unbekannte in Yangon einen Brandanschlag auf die Zentrale der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), der Partei der entmachteten Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Anrainern sei es etwa 30 Minuten später gelungen, das Feuer zu löschen, berichtete das Portal Myanmar Now. Jedoch seien die Türen und Möbel der Büros zerstört worden.

Mehr als 300 Menschen, die bei Protesten gegen den Militärputsch festgenommen worden waren, wurden am Freitag freigelassen. Insgesamt seien 322 Inhaftierte aus dem Insein-Gefängnis entlassen worden, sagte ein hoher Beamter des berüchtigten Gefängnisses der Nachrichtenagentur AFP. Bereits am Mittwoch hatte das Gefängnis die Freilassung von mehr als 600 Demonstranten gemeldet.

Ein in Myanmar festgenommener polnischer Journalist, der für die Deutsche Presse-Agentur in Myanmar tätig war, ist unterdessen nach knapp zwei Wochen Haft wieder zurück in seinem Heimatland. Am Freitag traf Robert Bociaga mit einem Flug aus Doha auf dem Chopin-Flughafen in Warschau ein. Er war am Vortag in Myanmars größter Stadt Yangon in Richtung Polen gestartet. Der 29-Jährige war am 11. März in Taunggyi, der Hauptstadt des Shan-Staats, von Soldaten inhaftiert worden. Der Fall hatte international für viel Aufsehen gesorgt.

Im früheren Burma geht die neue Militärführung seit Wochen mit zunehmender Härte gegen jeden Widerstand vor. Die Demonstranten fordern die Freilassung und Wiedereinsetzung der faktischen Regierungschefin Suu Kyi, die seit dem Putsch im Hausarrest sitzt. Die USA und Großbritannien hatten am Donnerstag weitere Sanktionen verhängt, die auf die wirtschaftlichen Ressourcen des neuen Führungsapparats abzielen. Die Generäle zeigen sich von allen Appellen und Maßnahmen bisher unbeeindruckt.


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