„Mein Tag im anderen Land“: Peter Handkes Dämonengeschichte

„Ein so müder wie sanfter Mann blickte mir entgegen, von dessen Lippen ich erst einmal ablas: ‚Keine Angst.‘“ Es ist ein Blick in den Spiegel, der Entwarnung gibt. Der Dämon hat seinen Schrecken verloren, und so „wich das Grauen einem Staunen, und aus dem Staunen wurde Zutrauen. Denn so gar nichts von glühenden Augen, gesträubten Haaren, geblähten Nüstern.“ Der Obstgärtner, mit dem einst nicht gut Kirschen essen war, ist ein ganz normaler Zeitgenosse geworden.

Peter Handke hat eine neue Erzählung vorgelegt, „Mein Tag im anderen Land“, und fast scheint es, er betreibe in dieser schmalen „Dämonengeschichte“ die eigene Ent-Dämonisierung. Der hohe Ton und der hohe Thron, von dem aus der Erzähler meist auf die Niederungen der Menschheit blickt, wird immer wieder ironisiert. Das Beharren auf dem eigenen Anspruch, auf dem eigenen Außenseitertum, auf das eigene Besserwissen wird zwar nicht fallengelassen, doch es wirkt wie Imagepflege oder Rückschau.

Der ehemalige Obstgärtner, der in der Erzählung das Wort führt, war in seiner Jugend einer, der bisweilen außer sich gerät und verbal um sich schlägt. Im Dorf kursieren Redensarten wie: „Launisch wie ein Obstgärtner.“ Es wird schlimmer, die Leute meiden den Kontakt, und so scheint er schließlich bloß sich selbst zu meinen, wenn er schimpfend durchs leere Dorf geht: „Spaltpilz!“ - „Untermensch!“ - „Verwurmter Kern!“ Der Gärtner wird zum Wanderer. Das Gehen ist seit langem eines der Hauptmotive Handkes, und so wird auch der Gärtner zum Wanderer. Er zieht „kreuz und quer durch das Land“, und nichts ist ihm recht. Wahlweise wirft er denen, die ihm begegnen, zu breite oder zu schmale Schultern, zu hohe oder zu niedrige Stirn, falsche Haarfarbe oder unvorteilhafte Beinlänge vor. Und das Mittelmaß passt ihm schon gar nicht.

Diese „Redekreuzzüge“ scheinen direkt ins Heilige Land zu führen, viele Anspielungen auf das Alte Testament finden sich eingearbeitet. Und so gleicht auch die Dämonenaustreibung einem biblischen Wunder, erzielt durch einen „Guten Zuschauer“, der dem wütenden Wanderer fraglose Liebe und echtes Verständnis schenkt. Der lässt sich sogar gefallen, dass er in die Arme geschlossen wird: „Da bist du mir ja!“

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Soviel Empathie färbt ab. Sanft kümmert sich der über einen großen See ins „andere Land“ übersetzende Erzähler fortan um die Blutegel im Boot (die ihn freilich verschmähen) und die Gräser am Horizont: „Aus der Nähe wären die mir niemals so nahe gekommen.“ Die angeschlagene Ton ändert sich radikal, aus dem Knurren und Bellen wird ein Säuseln: „Der Gehwind mir den Arm um die Hüfte legend, auch noch lange im Nachhinein“, heißt es da, oder: „Hindernisse stellten sich in den Weg, Hindernis um Hindernis: willkommen, Hindernis, und bitte, noch ein Hindernis, und noch eines - o Hindernisfreuden.“

Ist man schon da nicht sicher, ob es sich dabei um eine Selbstpersiflage handelt, so setzt Handke in seiner Geschichte noch eines drauf: Wer seine Unverwechselbarkeit verliert, indem er sich anpasst und eingliedert, wird künftig eben verwechselt - im Fall des Obstgärtners etwa mit einem Skispringer, einem Barpianisten, einem Star-Anwalt, einem Karikaturisten oder einem gestorbenen Bauern: „Wie das, Bauer, du lebst?!“

„Mein Tag im anderen Land“ fügt sich nahtlos in Handkes Werk, von der radikalen Opposition der „Publikumsbeschimpfung“ über die vielen auf Bühnen und zwischen Buchdeckeln unternommenen Wanderungen und Begegnungen bis zu seinem Roman „Die Obstdiebin“ (2017): Wie dort trifft er letztlich eine Lebensgefährtin, wie dort mündet alles in eine finale, versöhnliche Feier. „Die folgenden Jahre waren Jahre der Harmonie.“ Sich darauf zu verlassen, wäre freilich trügerisch. Der „Tag im anderen Land“ schließt mit einem vertrauten Ruf: „Seid ihr alle da?“ Doch seit Kindheitstagen wissen wir: Wo der Kasperl ist, kann auch das Krokodil nicht weit sein.

(S E R V I C E - Peter Handke: „Mein Tag im anderen Land - Eine Dämonengeschichte“, Bibliothek Suhrkamp 1524, 94 Seiten, 18,50 Euro)


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