Viel Kritik für Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht

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Intensiv wurde in den vergangenen Wochen diskutiert, wie man Amanda Gormans bei der Inauguration von US-Präsident Joe Biden vorgetragenes Gedicht „The Hill We Climb“ übersetzen kann. Teils wurde renommierten Übersetzern die Aufgabe wieder entzogen, teils legten sie diese selbst zurück. Hoffmann und Campe entschied sich für die deutsche Version für ein dreiköpfiges Team. Das Ergebnis ist nun erschienen und hat bereits reichlich Kritik einstecken müssen.

Im „Standard“ wird das Ergebnis als „Fiasko“ bezeichnet. Was von Literatur- und Lyrikübersetzerin Uda Strätling, Autorin Kübra Gümüşay und Journalistin sowie Rassismusforscherin Hadija Haruna-Oelker im zweisprachigen Band mit dem deutschen Zusatztitel „Den Hügel hinauf“ fabriziert wurde, sei „in höchstem Maß missglückt“. So reiche der Platz im Artikel nicht, „um alle Ärgernisse aufzuzählen“, heißt es weiter. „Stilistische Kniffe wie Dramatik und Aktion finden sich in der Übersetzung grundsätzlich nicht, jedes starke Bild wurde verwaschen.“

In der „Presse“ wird auf den schon durch das Original evozierten „Kulturschock“ verwiesen, der sich nun nochmals verstärke: „Dieses religiöse Tremolo, das Pathos, die Anrufung der ‚Nation‘ und des ‚Wir‘ - das ist zeitgenössischen deutschsprachigen Gedichten fremd.“ Dabei werde die amerikanische und christliche Symbolik weder „überzeugend ins Deutsche überführt noch mutig über Bord geworfen“. Das Pathos bleibe, allerdings werde es „nur ganz hohl“. Und immer dann, wenn das Gedicht in einen Fluss komme, werde es „durch einen Spruch wie aus einer Parteiveranstaltung gestoppt“.

Der Titel der deutschen Übersetzung sei noch das Beste, heißt es in der „Kleinen Zeitung“. Der Text sei ein Ergebnis, das „im Bemühen, Gormans Referenzrahmen mustergültig abzubilden, spektakulär holpert und (...) grammatikalisch mehrmals aus der Spur rodelt“. Vor allem aber finde die Übertragung nie „einen eigenen Ton“. Im „Kurier“ wird wiederum weniger die handwerkliche Übersetzung, als die dahinterliegende Debatte thematisiert. Eine Meinung habe man schließlich oft schon vorher und sehe sie dann im betreffenden Gegenstand bestätigt. Das Resümee hier: „Das Gedicht ist, leider, letztlich ein zu schwacher Haken, um daran wichtige Fragen zu befestigen.“

Versöhnlicher zeigte sich die deutsche „taz“: Das Übersetzerinnentrio gebe angesichts der teils hitzig geführten Diskussion „eine angemessen kühle Antwort“, in dem es sprachlich oft sehr zurückhaltend und reduziert agiere. Dass an einer Stelle die von Gorman im Text erwähnte Hautfarbe („colors“) einfach ausgeklammert wird, wird allerdings wie bei vielen anderen Kritiken bemängelt. Die „Frankfurter Rundschau“ kommt zum Schluss, die Übersetzerinnen hätten sich mal zu viele, dann wieder zu wenige Gedanken gemacht.

Da bei diesem Gedicht vor allem auch der Vortrag Gormans zu beachten sei und mitschwinge, stelle sich laut „Die Zeit“ die Frage, ob die „beim Literaturübersetzen angestrebte Äquivalenz der Wirkung hier überhaupt zu leisten“ sei. „Die Herausforderung liegt eher im Rhythmus als im Politischen.“ Wort-für-Wort-Vergleiche seien jedenfalls nicht aussagekräftig, um Qualität und Wirkung der Übersetzung zu beurteilen. „Politische Sprachfallen“ wurden vermieden. „Die Priorität der inhaltlichen Wirkung belässt die ästhetische Wirkung eher bei Gormans Text und dem jederzeit abrufbaren sprachmagischen Event: Die Übersetzung tritt nicht als deutschsprachige Performance-Partitur an.“

(S E R V I C E - Amanda Gorman: „The Hill We Climb - Den Hügel hinauf“ (zweisprachige Ausgabe), übersetzt von Kübra Gümüşay, Hadija Haruna-Oelke und Uda Strätling, Hoffmann und Campe, 64 Seiten, 10,30 Euro)


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