Grüne in Deutschland vor Weichenstellung in Richtung Kanzleramt

Grüne im Umfragehoch: Knapp hinter CDU/CSU ist der Sprung ins Berliner Kanzleramt möglich. Aber wer soll sie dort hinführen?

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Er oder sie? Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen in den kommenden Tagen die Kanzler- oder Kanzlerinnenfrage beantworten.
© AFP

Von Michael Sprenger

Berlin – Nach Ostern! Dies war die Antwort. Immer gleich­lautend, wenn Annalen­a Baer­bock oder Robert Habeck gefragt wurden, wann denn nun die Kanzlerfrage bzw. die Kanzlerinnenfrage beantwortet wird.

Und vor ein paar Monaten wäre diese Frage so gar nicht gestellt worden. Doch mittlerweile hat sich in Deutschland viel verändert. Nach Dauerlockdown, Maskenaffäre und dem angekündigten Abgang von Angela Merkel kam es zum Umfrage-Absturz der CDU. Zugleich kommt und kommt die SPD nicht aus dem Tief. Also kommt es erstmals bei den Grünen zu einer Kanzleramtskandidatur.

Und das Unvorstellbare ist wenige Monate vor der Bundestagswahl sogar möglich. Auf Merkel könnte eine Grün­e oder ein Grüner ins Kanzleramt folgen.

Also ist die Antwort auf die Frage „Annalena Baerbock oder Robert Habeck?“ eine, die die deutsche Innenpolitik seit Wochen beschäftigt. Auch oder gerade, weil die Unionsparteien immer noch nicht wissen, mit welchem Kandidaten sie selbst ins Rennen gehen wollen.

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„Wenn die Bäume wieder grün blühen“, hat Baerbock mehrfach gesagt, werde man die Frage beantworten. Und die beiden wollen die Frage untereinander klären.

Die KanzlerInnenfrage bei den deutschen Grünen führt augenscheinlich zu keiner Zerreißprobe. Kein Kampf der Flügel, hier die Realos, dort die Fundis. Das ist ebenso überraschend wie das Umfragehoch der Grünen.

Die Geschlossenheit der Grünen-Spitze findet Christian Hoffmann, Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig, beachtlich. „Eine offene Entscheidung wäre ja ein großer Anreiz, sich selbst auf Kosten des anderen nach vorne zu spielen – und das tun beide nicht.“ Eine offen­e Kandidatenfrage ist eine Belastungsprobe, die „manch­e andere Partei schlechter durchhalten würde“.

Die 40-Jährige, die mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in Potsdam lebt, könnte das Rennen machen – wenn sie will. Habeck (51), verheiratet und Vater von vier Söhnen, hat zuletzt bei seinem Auftritt beim ARD-Polittalk „Anne Will“ klar gemacht: Wenn Baerbock als Frau sage, sie wolle die Kandidatur, dann wird sie es. Das sagt auch das grüne Statut so. In der Grünen-Fraktion gibt es vor allem Frauen, die denken, dass sich eine feministische Partei nicht die Chance entgehen lassen kann, mit einer Frau gegen die beiden männlichen Kandidaten von Union und SPD anzutreten. Die SPD hat sich schon auf Finanzminister Olaf Scholz festgelegt. Bei der Union wird das Spiel zwischen den Ministerpräsidenten Markus Söder und Armin Laschet entschieden.

Doch dieses Argument des Frau-Seins würde allein Baer-bock nicht gerecht werden. Auf Parteitagen bekommt sie immerzu die besseren Wahlergebnisse als Habeck.

Doch auch für Habeck gibt es gute Argumente, sehr gut­e sogar. Der frühere Schriftsteller kann auf Regierungserfahrung verweisen, er war Umweltminister in Schleswig-­Holstein. Er ist der Star in den Politiktalks, kommt außerhalb der grünen Anhängerschaft gut an.

Mit ihrem Verzicht auf Polemik gegen den politischen Gegner, der demonstrativen Einmütigkeit und dem Blick aufs große Ganze wirken Baer­bock und Habeck geradezu staatstragend. Unverzichtbar für eine Partei, die vermitteln will, dass sie das Land lenken könnte.

Nach der jüngsten Umfrag­e (im Auftrag von Bild am Sonntag) liegen die Unionsparteien bei 26 Prozent. Die Grünen sind mit 23 Prozent zweitstärkste Kraft. Die SPD kommt auf 16 Prozent, die rechtsradikale AfD auf zehn Prozent, würde am kommenden Sonntag in Deutschland gewählt werden. Die Linkspartei könnte mit neun Prozent rechnen, die FDP würde auch auf neun Prozent kommen. Damit wäre rein rechnerisch sowohl eine Ampelkoalition aus Grünen, SPD und FDP sowie ein Bündnis aus Grünen, SPD und Linkspartei möglich. Die gegenwärtig regierende Große Koalition aus Union und SPD hätte dagegen keine Mehrheit. „In keiner Umfrage haben wir zurzeit mehr als 30 Prozent“, sagt Innenminister Horst Seehofer (CSU) der Welt am Sonntag. „Das ist für mich ein Alarmzeiche­n.“ Die Anhänger von CDU und CSU wollen wissen, wo es langgehe. Also wird es zwischen Laschet und Söder auch ein­e zeitnahe Lösung erwartet. Bisher deutet vieles auf einen echten Machtkampf in der Union hin. Das löst bei den Grünen stille Freude aus.


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