Im Exil der Schwarzmander

Geschichte und schöne Geschichten: Jakob Mayer hat in den vergangenen Jahrzehnten Ansichten von Kundl, wie es früher war, zusammengetragen. Heute gibt es viel zu erzählen.

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Die Schwarzmander fuhren auf eigens gezimmerten Holzgestellen auf Schienen in den Kundler Stollen, rechts davon der riesige Felsen, der 1929 ins Bachbett neben einer Straße stürzte. Das Bild daneben zeigt die Mutter des Chronisten Jakob Mayer (ganz rechts) – Kreszentia Mayer, genannt „Bichlfeistner Zenzä“.Bilder: Fundus Jakob Mayer, Paulmichl

Von Michaela S. Paulmichl

Kundl –Ein altes und doch fabrikneues Emaille-Schild, das die Innsbrucker Stadtnachrichten, Vorgänger der Tiroler Tageszeitung, anpreist: „Hier zu haben!“, steht drauf. Raritäten wie diese, alte Zeitungen, historische Fotos und Ansichtskarten von damals: Jakob Mayer sammelt, was an vergangene Zeiten erinnert. Das meiste aus Kundl, wo er aufgewachsen ist, bevor er eine Innsbruckerin heiratete und sich in der Landeshauptstadt niederließ. Die Verbindung zum Heimatort ist geblieben und auch das Interesse an Geschichte und Geschichten von früher. Einige der schönsten hat er zur Unterhaltung der Bewohner in Lockdown-Zeiten hervorgekramt und zum täglichen Nachlesen auf die Homepage des Heimatvereins gestellt (heimatverein-kundl.at, Stichwort Corona-Aktion).

Da ist die Geschichte von dem 1500-Kubikmeter-Felsblock, der sich 1929 am Steinertalbachgraben löste und „mit gewaltigem Krach“ – so hieß es im Gendarmeriebericht – in das unmittelbar an der darunterliegenden Straße gelegene Bachbett stürzte. Menschen und Tiere kamen nicht zu Schaden, wohl aber eine Kutsche, „welche der Frächter Johann Seisl trotz Warnung bis an die Sturzstelle führte und dort, weil die Straße übermurt war, stehengelassen hat“. 30 Jahre später gelang es Pionieren des Bundesheers, den riesigen Brocken zu sprengen.

Eine Original-Lithographiekarte zeigt das alte Kundl und die 1658 gegründete Bierbrauerei – heute Standort des Pharmakonzerns Sandoz. „Die Zeichnung ist sehr interessant, da sie die längst verschwundene Kraftübertragungsanlage zeigt. Die Kraft kam von einer Dampfmaschine.“

Was viele heute nicht mehr wissen: Die berühmten „Schwarzmander“ aus der Innsbrucker Hofkirche waren während des Zweiten Weltkriegs zwei Jahre lang im Kundler Bräustollen am Eingang zur Kundler Klamm untergebracht, damals der Eiskeller der Brauerei. Fotos zeigen die Bronzefiguren, für die eigene Holzgestelle zum sicheren Transport angefertigt worden waren. In den Stollen flüchteten sich während der Bombenangriffe auch die Bewohner, eine kleine Anekdote erzählt aus dieser Zeit: „Ein Kundler vertraute mir an, dass er – damals noch ein Kind – auf den Statuen herumgeturnt ist“, erzählt der Hobby-Chronist.

„Herzenswunsch“ des Obmanns des Heimatvereins Kundl ist es, im alten Bräukeller eine Gedenkstätte zu errichten, die an das Exil der 28 Schwarzmander erinnert. Ideen gibt es viele, so sollen Videokünstler Kurzfilme gestalten. Dass Kundl auch aktuell von Bedeutung ist, freut den Hobby-Chronisten sehr, immerhin soll dort nicht nur die Penicillin-Produktion ausgeweitet, sondern auch eine Corona-Impfstoff-Komponente hergestellt werden.

Seinen „Schatz“ – seine umfangreiche, in vielen Jahrzehnten zusammengetragene Sammlung Hunderter historischer Ansichtskarten – hat Mayer dem Heimatverein Kundl spendiert. „In den 80er-Jahren hat eine Karte zwischen 10 und hundert Schilling gekostet, besonders seltene Stücke und Lithographien bis zu 400 Schilling.“


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