Wut und Poesie: Ali Smiths Roman „Frühling“ beeindruckt

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Es geht Richtung Sommer in den deutschen Übersetzungen von Ali Smiths Jahreszeitenzyklus. Doch bevor Ende Juli der „Sommer“ ausbricht, in dem eine 16-Jährige die Welt retten möchte, begegnen wir im „Frühling“ einer 12-Jährigen, die Wunder zu wirken scheint, Überwachungskameras zu täuschen und Gefängnistüren zu öffnen vermag. Vor allem aber begegnen wir einem neuen Wunderwerk an Erzählkraft, in dem sich Poesie und Politik, Trauer und Tatkraft eindrucksvoll verbinden.

Dabei sind die Bücher der 58-jährigen in England lebenden Schottin keine Pageturner, bei denen sich Schicksale flott von selber erzählen und ihre Zusammenhänge mühelos erschließen. Ali Smith liebt es, Rätsel aufzugeben, die die Leser selbst zu lösen haben. Das macht ihre Romane spannend, doch in ganz anderer Weise als bei den Büchern, die man gemeinhin als Spannungsliteratur bezeichnet. Denn spannend ist es, disparate Figuren selbst zusammenzusetzen und Beziehungen zu knüpfen. Dabei macht es die Autorin einem freilich bewusst schwierig. Wenn man sich aber darauf einlässt, kann man das Spiel mit den doppelten Böden, bei denen Smith literarische Anspielungen aller Art einbaut, richtig genießen. Etwa die Geschichte der Nicht-Begegnung zwischen Katherine Mansfield und Rainer Maria Rilke.

Dass die beiden berühmten Schreibenden 1922 gleichzeitig in einem kleinen Schweizer Bergdorf wohnten, soll Gegenstand eines Films werden, den der Regisseur Richard Lease drehen soll. Während sein Drehbuchautor jedoch eine konventionelle Liebesgeschichte mit Sexszenen in Liftgondeln schreiben will, hat Lease unter dem Eindruck seiner engen künstlerischen Partnerschaft mit seinem Lebensmenschen Patricia „Paddy“ Heal eine sensible Aufarbeitung von schwierigen Persönlichkeiten und Zeitumständen vor. Schließlich litt Mansfield damals an Lungentuberkulose im Endstadium und sollen die beiden literarischen Größen, glaubt man den Quellen, einander nie persönlich begegnet sein.

So wird die bewusste Verfälschung von Tatsachen durch den Druck ökonomischer oder politischer Umstände zum Schlüsselmotiv des Buches. Menschen, die gegen ihren Willen unter skandalösen Umständen jahrelang in winzigen Zimmern festgehalten werden, würde man normalerweise als Gefangene bezeichnen. Nicht, wenn es Migranten sind, über deren Abschiebung noch nicht endgültig entschieden ist, dann heißt so ein Gefängnis selbstverständlich ganz anders. Schließlich verbietet das englische Gesetz eigentlich genau das, was hinter den Mauern jener Institution geschieht, in der die junge Brittany Hall für einen von der Regierung dafür bezahlten privaten Sicherheitsdienst als Aufsicht arbeitet.

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Beide, Richard und Brit, machen im Lauf des Buches eine Begegnung, die ihr Leben zumindest zeitweise aus der Bahn wirft. Sie begegnen einem kleinen, altklugen Mädchen, das buchstäblich alles infrage stellt, ganz naiv und entwaffnend. Im Abschiebezentrum spaziert sie mühelos durch alle Sicherheitsschleusen und stellt dem Leiter jene Fragen, die er eigentlich der Öffentlichkeit beantworten sollte, in einem winzigen schottischen Bahnhof kommt sie gerade rechtzeitig, um den lebensmüden Regisseur vor seinem letzten Schritt zu bewahren. Richard ist todtraurig, denn Paddy ist gestorben. Und mit ihr scheint alles andere, wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt, endgültig den Bach runterzugehen.

Ist die kleine Florence ein Engel, eine Erscheinung oder die Materialisierung jener „imaginären Tochter“, mit der sich Richard in Ermangelung eines echten Gesprächspartners austauscht? Kann sie sich für manche tatsächlich unsichtbar machen, oder nutzt sie bloß die Ignoranz mancher Menschen, bestimmte andere einfach zu übersehen? Ali Smith hält das in Schwebe. Doch sie verhehlt nicht ihre Wut auf ein unmenschliches System und auf die Trägheit der Menschen, die dieses zulässt ohne zu revoltieren. Deswegen hat ihre zauberhafte Geschichte auch keinen märchenhaften, sondern einen realistischen, traurigen Schluss.

Doch Ali Smiths „Frühling“ besitzt Sprengkraft und hat das Potenzial, Dinge zum Positiven zu verändern. Jedes Jahr bringt eine neue Chance dazu. „Wer an einem blühenden Busch oder Baum vorübergeht, kann es nicht überhören, das Surren des Motors, des neuen Lebens, an dem in seinem Innern bereits gewerkelt wird, das Wirken der Zeit.“

(S E R V I C E - „Frühling“ von Ali Smith, Aus dem Englischen von Silvia Morawetz, Luchterhand Verlag, 316 Seiten, 22,70 Euro)


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