Autor Steinfest vermisst „Schnelltests für den Verstand“

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„Der Lockdown hat meinen notorischen Schreibzwang nicht gerade gemindert - das Bedürfnis nach Trost im Schreiben“, meint Heinrich Steinfest. Dieser Schreibzwang wird sich schon bald in zwei neuen Büchern niederschlagen. Doch zunächst feiert der als Sohn österreichischer Auswanderer im australischen Albury geborene und seit langem in Stuttgart lebende Autor morgen, Samstag, seinen 60. Geburtstag.

In Stuttgart hat sich Steinfest stark gegen das Bahnhof-Großprojekt Stuttgart 21 engagiert. Aufgewachsen ist der am 10. April 1961 Geborene freilich in Wien, da seine Eltern bald wieder in ihr Heimatland zurückgingen. „In der dortigen Luft wurde ich groß. Und diese Luft steckt halt noch immer in meinen Atemwegen, auch nach so vielen Jahren Stuttgart. In Österreich erkenne ich die Welt als theatralische Überzeichnung. Mal höllisch, mal himmlisch, ein deutliches Fehlen von Mittelwegen“, sagte Steinfest 2014 in einem APA-Interview, als er mit dem Roman „Der Allesforscher“ auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand. 2006 schaffte er es mit „Ein dickes Fell“ auf die Longlist, 2018 wurde „Die Büglerin“ für den Österreichischen Buchpreis nominiert. Zu den Preisen, die es tatsächlich für ihn gab, gehören der Heimito-von-Doderer-Literaturpreis (2010) und der Bayerische Buchpreis (2016 für „Das Leben und Sterben der Flugzeuge“).

Auf seiner langen Publikationsliste finden sich eine „Gebrauchsanweisung für Österreich“ und eine „Gebrauchsanweisung fürs Scheitern“ ebenso wie Romane mit fantasievollen Titeln wie „Der Nachmittag des Pornographen“, „To(r)tengräber“ oder „Der Mann, der den Flug der Kugel kreuzte“. Eine breite Fangemeinde hat er sich jedoch vor allem in zwei Genres erschrieben. Krimileser lieben seine Bücher rund um den einarmigen Wiener Detektiv Markus Cheng, Fantasy-Liebhaber begeistern sich dafür, dass in seinen Büchern buchstäblich alles möglich ist - inklusive der Integration eigener Miniatur-Zeichnungen.

Steinfests schreiberische Fantasie entkoppelt sich lustvoll von physikalischen Gesetzmäßigkeiten oder mathematischen Wahrscheinlichkeiten, wenn er fantastische, unerklärliche und märchenhafte Elemente mischt. Für ihn gilt: Die Welt ist nicht alles, was der Fall ist, sondern als Welt gilt alles, was einem einfällt. Mal explodiert ein Wal („Der Allesforscher“) oder gibt es einen Zugang zu einem Paralleluniversum („Das grüne Rollo“), mal kann Bügeln Wunder wirken („Die Büglerin“) oder kehrt die 1957 ins All geschossene Hündin Laika gemeinsam mit dem Raumflugkörper Sputnik 2 wohlbehalten auf die Erde zurück („Der Chauffeur“). „Steinfest schreibt die amüsanteste und intelligenteste Literatur unserer Gegenwart“, fasst Literaturkritiker Denis Scheck zusammen.

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Das vergangene Pandemie-Jahr habe er „schreibend, schreibend, schreibend“, verbracht, lässt der Autor die APA wissen. „Daneben habe ich aber auch Qigong erlernt, nicht zuletzt als Ausdruck einer konzentrierten Form von Isolation, eine Bewegungstechnik, die nicht mehr Raum benötigt als die Länge eines Schritts. Das hatte übrigens auch ein wenig Auswirkung auf eins meiner beiden Bücher, die im 2020er Jahr entstanden sind.“

Für 2. August hat der Piper Verlag Steinfests sechsten Markus-Cheng-Roman angekündigt, „Die Möbel des Teufels“, für 4. Oktober eine „Amsterdamer Novelle“. Kann er ein klein wenig über die beiden Bücher verraten? „In ‚Die Möbel des Teufels‘ kehrt ein Mann, der vierundvierzig Jahre zuvor - genau an dem Tag, als die Reichsbrücke einstürzte - Wien verließ, zurück in seine Heimatstadt, um seine ermordete Schwester zu begraben. In diesem Roman, in dem die Rolle der Detektivin auf Chengs Sekretärin Frau Wolf übergeht und die Rolle des Sekretärs auf ihn, Cheng, spielt auch Thomas Manns ‚Der Tod in Venedig‘ eine kleine Rolle. Das hat mich dann derart animiert, mich nach Beendigung des ‚Möbel-Stücks‘ selbst an diese ‚kleine, kompakte Form‘ zu wagen und das Resultat war die ‚Amsterdamer Novelle‘, in der es erstaunlicherweise sehr viel mehr Tote als im Kriminalroman gibt, allerdings auch eine Geburt und zudem eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Zeit. Und natürlich mit Amsterdam.“

Wie beurteilt Heinrich Steinfest die aktuelle Lage in Deutschland und Österreich, für die einem angesichts andauernder Diskussionen um Impfungen, Lockdowns, Infektionszahlen und Corona-Leugner bald die Fantasie auszugehen droht? „Kann man das auf den Punkt bringen, ohne zu schwadronieren?“, lautet die Antwort aus Stuttgart. „Ich würde sagen, bei aller Tragik ist es eben auch eine Komödie wie jede schlimme Krise, in der die absurde Gegensätzlichkeit des Lebens verstärkt wird, das Unheilige (die Gier, das Korrupte, die Inkompetenz) und das Heilige (die Empathie, die Aufopferung, die Weisheit). Schade freilich, dass es nicht auch Schnelltests für den Verstand gibt.“

Und wann werden wir endlich wieder andere Themen haben? „Also zumindest meine ‚Amsterdamer Novelle‘ spielt in einer Zeit nach der Pandemie, wo behauptet wird, es sei eine Stimmung wie in den ‚Goldenen Zwanzigern‘, eine Blütezeit. Zur Blüte gehört natürlich ganz unmittelbar die Kunst. Auf die würde ich dann auch gerne setzen.“


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