Die Gletscher schmelzen weiter: Ewig zieht sich das Eis zurück

Österreichs Gletscher schmelzen weiter. Zwischen Oktober 2019 und September 2020 haben sie im Schnitt 15 Meter an Länge verloren. Der Alpenverein fordert einen besseren Schutz des hochalpinen Geländes.

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Das Hornkees in den Zillertaler Alpen (links eine Aufnahme aus dem Jahr 2010, rechts ein Bild aus dem Vorjahr) ist jener Gletscher, der österreichweit am meisten Länge eingebüßt hat. In nur einem Jahr wurde ein Rückgang von 104 Metern gemessen.
© ÖAV/Christoph Friedrich

Von Benedikt Mair

Innsbruck – Nichts fundamental Neues hatte der Österreichische Alpenverein (ÖAV) gestern zu vermelden. Und gerade das ist beunruhigend. Die Gletscher im Land ziehen sich zurück, so wie sie das seit mehr als 30 Jahren tun. Kontinuierlich. Unaufhaltsam. Allein zwischen Oktober 2019 und September 2020 verlor jeder von ihnen im Schnitt rund 15 Meter an Länge, geht aus dem aktuellen Gletscherbericht hervor. Der ÖAV schlägt zum wiederholten Mal Alarm und fordert einen besseren Schutz des hochalpinen Geländes.

📽️ Video | Leiter der Gletschervermessungsmission des Alpenvereins zur Gletscherschmelze

Von den rund 900 Firnen, Keese und Ferner in Österreich, hat der Gletschermessdienst des Alpenvereines 92 (zirka 10 Prozent) genau betrachtet. Bei 85 (92,7 Prozent) schmolzen die Eismassen um mindestens einen Meter ab, die restlichen sieben (7,6 Prozent) blieben stationär. „In zwölf Gebirgsgruppen und damit in allen vergletscherten Gebieten Österreichs wurde beobachtet. Ein repräsentativer Schnitt“, sagte Gerhard Karl Lieb, Professor am Institut für Geographie und Raumforschung an der Uni Graz und einer der beiden Leiter des ÖAV-Messdienstes. Mit 104 Metern in nur einem Jahr hat das Hornkees in den Zillertaler Alpen am meisten Länge verloren. Insgesamt habe es fünf Gletscher gegeben, bei denen ein Rückgang von über 50 Metern verzeichnet wurde.

Andreas Kellerer-Pirklbauer, zweiter Leiter des Gletschermessdienstes und ebenso wie sein Kollege Lieb an der Uni Graz engagiert, erklärte, dass sich die Schmelze im Hochgebirge nicht nur anhand des Längenverlustes zeige. „Wir beobachten auch vermehrt Bereiche, in denen etwa die Eisoberfläche eingebrochen ist und sich Wasserflächen gebildet haben.“

In der Periode von 2019 bis 2020 sei laut Kellerer-Pirklbauer in zahlreichen Regionen des Landes überdurchschnittlich viel Schnee gefallen. Allerdings war es auch sehr warm. „Im gesamten Beobachtungszeitraum lagen die Temperaturen um 1,6 Grad Celsius über dem Mittel der vergangenen Jahrzehnte.“

Zwar habe der Schnee aus dem schneereichen Winter vielerorts bis weit in den Sommer hinein überdauert und somit die Eisfläche abgeschirmt, meinte Gerhard Karl Lieb. „Die Wärme des Augustes und Septembers 2020 hat allerdings gereicht, den Schneeschutz verschwinden und die Gletscher stark schmelzen zu lassen.“

Die Vizepräsidentin des ÖAV, Ingrid Hayek, zeigte sich über den erneut großen Rückzug der Eismassen beunruhigt. Und zog Parallelen zwischen der das Phänomen auslösenden Erderwärmung und der Corona-Pandemie. „Viele Leute leugnen sie und nehmen sie nicht ernst, weil sie durch etwas ausgelöst werden, was wir nicht wahrnehmen können.“ Einerseits sei das ein winzig kleines Virus, zum anderen Treibhausgase. „Wir Menschen fürchten uns nur vor dem, was wir sehen können. Der Gletscherschwund ist aber ein sichtbares Zeichen des Klimawandels“, meinte Hayek. „Wir regen uns auf, wenn im Amazonas Wälder gerodet werden, sollten aber vor der eigenen Haustüre kehren.“ Der Schutz des hochalpinen Geländes sei vor einiger Zeit, auch in Tirol, aufgeweicht worden, nehme etwa bewusst Areale von skitouristischem Interesse aus. Hier gelte es nachzubessern, fordert sie.

Zahlen und Fakten

15 Meter Länge haben Österreichs Gletscher im Schnitt in nur einem Jahr verloren. Das geht aus einem gestern präsentierten Bericht des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) hervor. Die angeführten Beobachtungen und Messungen beziehen sich auf den Zeitraum zwischen Oktober 2019 und September 2020.

92 Gletscher wurden von den Experten der ÖAV beobachtet. Das sind etwa zehn Prozent des gesamten Gletscherbestandes im Bundesgebiet, österreichweit gibt es rund 900 Firne, Keese und Ferner. Genau vermessen wurden 81 Gletscher in zwölf Gebirgsgruppen.

92,4 Prozent der beobachteten Gletscher (85) haben sich zurückgezogen, die restlichen 7,6 Prozent (7) blieben stationär. Vorgestoßen, sprich größer und länger geworden, ist kein Gletscher.

Beim Hornkees in den Zillertaler Alpen wurde der stärkste Rückgang verzeichnet – insgesamt verlor der Gletscher 104 Meter an Länge. Auf Platz zwei in dieser Negativ-Rangliste liegt der Alpeinferner in den Stubaier Alpen (-67,2 Meter), gefolgt von der Pasterze in der Glocknergruppe in Kärnten (-52,5 Meter), dem Gepatschferner in den Ötztaler Alpen (-51,5 Meter) und dem Schlatenkees in der Venedigergruppe in Osttirol (-50 Meter).

Um zwei Grad Celsius war es im August und September des Vorjahres zu warm. Das ist ein Grund dafür, dass die Gletscher, trotz Schnee-Schutzschicht bis in den Juli hinein, so stark schmolzen.

Seit 130 Jahren ist der Gletschermessdienst des Alpenvereins bereits aktiv. 23 ehrenamtliche Gletschermesser waren im Vorjahr im heimischen Gebirge unterwegs.


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