Erneut Krawalle in Nordirland

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Ungeachtet aller Appelle zum Stopp der Gewalt haben in der Nacht auf Freitag in der nordirischen Hauptstadt Belfast erneut Randalierer gewütet. Jugendliche warfen im Westen der Stadt Steine, Feuerwerkskörper und Molotowcocktails auf Polizisten, wie die Nachrichtenagentur PA berichtete. Daraufhin habe die Polizei Wasserwerfer gegen die Randalierer eingesetzt - laut BBC zum ersten Mal seit sechs Jahren bei Krawallen. Sie habe zudem mit dem Einsatz von Gummigeschoßen gedroht.

Hunderte Randalierer hätten sich versammelt, berichtete die Zeitung „Belfast Telegraph“. Die nordirische Justizministerin Naomi Long machte für die Krawalle auf Twitter „nationalistische Jugendliche“ verantwortlich. Die Gewalt müsse aufhören. Über Verletzte an diesem Abend wurde zunächst nichts bekannt.

Laut Nachrichtenagentur AP waren die Zusammenstöße am Donnerstagabend nicht so gewalttätig wie in der Nacht zuvor, als pro-britische und republikanische Gruppierungen ebenfalls Steine, Feuerwerkskörper und Benzinbomben aufeinander und auf die Polizei geworfen hatten. Sowohl am Mittwoch als auch am Donnerstag fand die Gewalt im Westen der Belfast neben der sogenannten „Friedensmauer“ aus Beton statt, die ein protestantisch geprägtes britisch-loyalistisches Viertel von einem großteils von Katholiken bewohnten irisch-nationalistischen Gebiet trennt.

In Nordirland kommt es seit Tagen zu Ausschreitungen, bei denen inzwischen Dutzende Polizisten verletzt wurden. Nach Ansicht der Sicherheitsbehörden stecken dahinter teils militante protestantisch-loyalistische Gruppierungen, die auch im Drogenhandel tätig sind.

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Am Donnerstag hatten Politiker beider Lager in Nordirland die Ausschreitungen scharf verurteilt. Nordirland wird von einer Einheitsregierung der jeweils größten Parteien von protestantisch-unionistischer und katholisch-republikanischer Seite regiert. Auch der britische Premierminister Boris Johnson und die USA verurteilten die Krawalle.

Vorgeblicher Anlass für die Proteste ist die Entscheidung der Polizei, Politiker der katholisch-republikanischen Partei Sinn Fein nach Teilnahme an der großen Beerdigung eines ehemaligen IRA-Terroristen nicht wegen Verstößen gegen Corona-Regeln zu belangen. Auch der Sonderstatus Nordirlands, wie er im Brexit-Abkommen festgelegt wurde, stößt in Teilen des protestantischen Lagers auf Widerstand. Die Provinz ist weiter Teil des EU-Handelsraums, um Warenkontrollen an der Grenze zum EU-Mitglied Irland zu verhindern. Stattdessen muss nun zwischen Nordirland und dem übrigen Vereinigten Königreich kontrolliert werden.

Die Trennung Großbritanniens von der EU hat den umstrittenen Status Nordirlands unterstrichen, in dem sich einige Menschen als Briten identifizieren und Teil des Vereinigten Königreichs bleiben wollen, während andere sich als Iren sehen und die Einheit mit der Nachbarrepublik Irland, einem EU-Mitglied, anstreben.

Im Nordirland-Konflikt standen sich jahrzehntelang protestantische Befürworter der Union mit Großbritannien und katholische Anhänger einer Vereinigung der beiden Teile Irlands gegenüber. Seit dem Karfreitags-Friedensabkommens von 1998, das Jahrzehnte des Blutvergießens über den Status der Region mit mehr als 3.000 Toten beendete, kam es immer wieder zu sporadischen Ausbrüchen von Straßengewalt.

In der vergangenen Woche kam es inmitten zunehmender Spannungen über die Handelsregeln nach dem Brexit und der Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Parteien in der Einheitsregierung zu Unruhen - hauptsächlich in loyalistischen, pro-britischen Gebieten. Die jüngsten Krawalle folgten Unruhen während des langen Osterwochenendes in pro-britischen gewerkschaftlichen Gebieten in und um Belfast und Derry, bei denen Autos in Brand gesteckt und Trümmer und Benzinbomben auf Polizisten geschleudert wurden.


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