„Pantherzeit“: Marica Bodrozic über ihre Pandemie-Erfahrung

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Mit „Pantherzeit“ beschreibt Marica Bodrozic in ihrem gleichnamigen Langessay ihre Pandemie-Erfahrungen. Allabendlich stellt sie sich im Lockdown auf den Balkon der Berliner Wohnung und rezitiert Rilkes „Der Panther“. In poetischer Sprache untersucht die 1973 geborene Autorin das für sie geradezu programmatische Gedicht, die Erfahrung, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, und ergeht sich in utopischen, vielleicht naiven Hoffnungen auf ein besseres Danach.

Als das Virus im Frühling 2020 alles lahmlegt, reduziert sich das Leben auf die eigenen vier Wände. Man blickt wie der Panther durch die Gitterstäbe auf die Welt, sieht darum aber auch vieles klarer. „Ich sehe in der Pantherzeit eine Phase der vielfachen Spiegelungen, es ist eine gebündelte Zeit, Zeit in Zeit gelegt, damit wir sie umblättern“, hält die deutsche Autorin mit dalmatinischen Wurzeln fest, die ihr in der aktuellen ORF-Bestenliste auf Platz fünf liegendes Buch mit „Das Innenmaß der Dinge“ untertitelt hat.

Sie berichtet vom Familienleben mit Mann Gregor und der kleinen Tochter, ihrer schmerzenden Hand, die ihr noch mehr Entschleunigung verordnet. Sie erzählt vom Bemühen um das Aufrechterhalten einer Alltagsstruktur, der Schönheit der leeren Straßen, dem Wieder-Sichtbarwerden der Natur und dem Gärtnern auf dem Balkon, aber auch von den Abgründen in uns selbst. Der Aktionismus fällt von ihrem Ich ab. Sie übt Yoga, ist dankbar, genießt die Ruhe, sehnt sich nach fernen Freunden und nach Reisen, freut sich über die kleinen Dinge. Das Buch ist ein großes Nachdenken über den Atem als Lebenshauch und uns selbst als atmende Wesen, denn das Atmen von Luft verbindet uns alle: „Unsere Lungen, sie sind uns (...) Lebenszeichen und Verhängnis in einem geworden.“

Die aufkeimenden Ängste, das Unbehagen, als „metaphysisches Zittern“ beschrieben, verursachen bei der mehrsprachigen Dichterin Sprachlücken und -unsicherheiten. Zuflucht und Worte für Unbeschreibliches und Unaussprechliches findet sie bei bedrängten Poeten, Philosophen und Mystikern wie Teresa von Avila und Juan de la Cruz. Kraft schöpft das Ich aus den überstandenen Gewalterfahrungen der Kindheit und den Erlebnissen anderer Menschen in Extremsituationen, etwa bei Belagerungen des 20. Jahrhunderts: Stalingrad, Sarajevo.

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Die Beschränkung durch die Pandemie lässt neue Fragen zu: „Welche Freiheit ist möglich, wenn mir die Wahl genommen wird, die Freiheit zu leben, die ich als meine eigene empfinde? Kommt dann die Freiheit an sich, also die einzig denkbare Freiheit zum Tragen? Das was ich heute unter allen Umständen bin, denn jetzt bin ich wie noch nie zuvor ich selbst.“ Durch die gemeinsame Lockdown-Erfahrung in der weltumspannenden Krise ergibt sich für die Autorin eine neue Verbundenheit mit allen Menschen. Damit verknüpft sie zugleich hochfliegende, wärmende Hoffnungen auf eine neue, moralischere Zukunft, ohne Ausbeutung, ohne „Wallstreet-Mentalität“, voller gegenseitigen Beistands. Der spirituelle, Trost spendende Text ist eine Möglichkeit, die eigenen Erfahrungen in der Pandemie zu verarbeiten, auch wenn man die schöne, neue Welt der Autorin, mit inzwischen weiteren Lockdown-Erfahrungen im Gepäck, vielleicht nicht für möglich hält.

(S E R V I C E - „Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge“ von Marica Bodrozic, Otto Müller Verlag, 264 Seiten, 22 Euro)


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