Loewit-Ausstellung „Contact Tracing“: Gegenwart ohne Sicherheitsabstand

Individualität, die in der Menge untergeht: die Schau „Contact Tracing“ von Georg Loewit im Foyer der Hofburg Innsbruck.

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55 „Protagonisten“ erwarten das Publikum im zentralen Raum. Die Schau wäre eigentlich bereits für Herbst geplant gewesen.
© Loewit

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Seit nunmehr mehr als einem Jahrzehnt arbeitet sich Georg Loewit in seiner Kunst ausschließlich am Menschen und der Masse ab. Auf Reisen sammelte der Tiroler Künstler Motive von übervollen Stränden, abendlichen Zusammentreffen auf der Piazza, langen Menschenschlangen, die vor Sehenswürdigkeiten einen Blick auf die große Kunst zu erhaschen suchen. Diese Szenen übersetzt er in Acrylbilder, auf denen das Individuum in großen Massen verschwimmt, ähnlich wie auch bei seinen „Protagonisten“, Skulpturen, bei denen die Individualität einer Person wie mit dem Fallbeil abgeschnitten scheint. Nur noch die Rückenansicht wird hyperrealistisch und individuell ausgeformt. Vorn bleibt die plane Ebene als Projektionsfläche für Assoziationen. Ausgestellt waren diese Arbeiten in Form von Aluminiumgüssen u. a. 2018 im Innsbrucker Dom.

In Loewits neuer Ausstellung „Contact Tracing“, die seit Dienstag dieser Woche im Foyer der Innsbrucker Hofburg zugänglich ist, wirken die Bilder der Masse plötzlich befremdlich. Das hat wohl auch mit fehlenden Sicherheitsabständen zu tun. Statt sozialer Nähe herrscht inzwischen Contact Tracing von der Distanz aus, so hat Loewit die Ausstellung gleich übertitelt. Die Gegenwart hat die Kunst des Tirolers eingeholt. Ein spannender Aspekt auch für Loewit selbst, der der neuen Uniformität auf seine Weise die erste zentrale Arbeit am Eingang der Ausstellung widmet. Im Bild „Kölner Dom“, inspiriert von einer Reise im Sommer letzten Jahres, ist es nun die Maske, die die Wartenden jedenfalls rein äußerlich eint.

Bewusst ohne Abstand hat Loewit im zentralen letzten Raum all seine in den letzten Jahren entstandenen 55 „Protagonisten“ auf einem Sockel gruppiert; nur ein hechelnder Hund hat die eintretenden Besucherinnen und Besucher im Auge, alle anderen sind von den Eintretenden abgewandt. Und die bleiben stets fremd, wie auch jene gemalten Individuen aus früheren Bildern, die Loewit aus Schablonen gebaut auf silberne, metall-kalte Gründe setzt.

Gearbeitet hat Loewit in der Pandemiezeit übrigens besonders intensiv, berichtet der Künstler auf Nachfrage. Corona hat indirekt auch in seiner Arbeit Spuren hinterlassen. In der Hofburg arbeitet Loewit erstmals auch mit Sound: Die uneinheitlichen Menge der Bilder übersetzt er in weißes Rauschen, das er mittels einer Aufnahme einem Markt am Comosee widergegeben wird. Einzelne Stimmen, ein nachvollziehbarer Dialog lässt sich nicht herauslösen – einmal mehr eine Situation, die präcorona kritisch hätte gelesen werden können, die in der Gegenwart aber Sehnsuchtsort wird.

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