Happel-Tochter Paula Nocker feiert ihr Josefstadt-Debüt

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„Ich komme gerade aus der Volksschule“, sagt die junge Frau und setzt ein Lächeln auf, in dem sich Bescheidenheit und Koketterie die Waage halten. Am Sonntag wird sie via Fernsehaufzeichnung ihr Debüt am Theater in der Josefstadt feiern, und dass sich die Presse für sie interessiert, liegt nicht daran, dass sie als jüngste Debütantin aller Zeiten eben zum Jungstar der Josefstadt aufsteigt. Nein, die seit kurzem 24-jährige Paula Nocker ist Sprössling bestens bekannter Eltern.

Paula ist die Tochter von Maria Happel, Publikumsliebling und Nestroy-Preisträgerin, seit 1991 am Burgtheater engagiert und seit dem Vorjahr Leiterin des Max Reinhardt-Seminars, und dem Schauspieler Dirk Nocker, ebenfalls lange Ensemblemitglied des Burgtheaters. In Torsten Fischers Kammerspiele-Produktion der „Dreigroschenoper“, die noch nie vor Publikum gezeigt wurde und nun am Sonntag um 21.45 Uhr auf ORF III ihre TV-Premiere feiert, spielt sie die Lucy. Sie habe sich einfach beim Vorsprechen für diese Rolle beworben und sei genommen worden, strahlt Paula Nocker. „Es ist, als wäre eine Türe wieder aufgegangen, die bereits geschlossen schien.“

Lange hat sie nicht gewusst, ob sie wirklich in die Fußstapfen ihrer Eltern treten will. „Das wäre zu einfach gewesen. Ich bin ja praktisch im Theater aufgewachsen. Die Bühne war mein Spielplatz. Nach der Schule hab‘ ich immer in der Kantine gegessen. Ich kannte nichts anderes.“ Also wollte die in Wien Geborene, die an der „w@lz“ maturierte, etwas anderes kennenlernen. Ein halbes Jahr studierte sie Film, ein halbes Jahr Kultur- und Sozialanthropologie. Aber sie hospitierte auch am Berliner Ensemble. Und sie, die bereits als Kind die eine oder andere Film- und Fernsehrolle hatte, bewarb sich schließlich an zwei Schauspielschulen. „Das hat aber nicht geklappt.“ Also öffnete sie eine zweite Türe für sich und begann an der Pädagogischen Hochschule in Wien eine Ausbildung zur Volksschullehrerin. Ehe es im zweiten Semester plötzlich an der Josefstadt klappte.

Die Proben hat sie trotz Coronabedingungen ein wenig wie im siebenten Himmel absolviert. „Es war eine wunderbare Zeit mit fantastischen Kollegen. Es hat sich angefühlt, als würde sich ein Kreis schließen.“ Dazu muss man wissen: Mit Regisseur Torsten Fischer hat ihre Mama ebenfalls das erste Mal gearbeitet, als sie 23 war. Auch ihre Oma väterlicherseits, Edith Elmay, hatte an der Josefstadt ihr erstes Engagement. Und Maria Happel hat bereits zweimal in der „Dreigroschenoper“ gespielt: 1996 als Polly Peachum unter der Regie von Paulus Manker am Burgtheater und 2006 im Berliner Admiralspalast die Spelunkenjenny unter der Regie von Klaus Maria Brandauer. Paula Nocker spielt nun Lucy, Tochter von Polizeichef Tiger Brown und Rivalin von Polly Peachum (Swintha Gersthofer) um die Gunst des Oberganoven Mackie Messer (Claudius von Stolzmann).

„Wir wollen unsere Szenen vom Streit um einen Mann wegbringen und Spaß daran haben, Mackie zu ärgern“, schildert Nocker ihre Interpretation. „Wir machen eine richtige, lustige Show daraus.“ Generell habe Fischer das berühmte und viel gespielte Stück, das auch sie selbst bereits einige Male gesehen habe, versucht, anders und ungewohnt umzusetzen, „weg von dem, was man sich sonst darunter vorstellt“. Das beginne mit der sehr kleinen Bühne der Kammerspiele, die hervorragend genutzt werde, und reiche bis zu den drei Generationen von Frauen (Maria Bill spielt Frau Peachum, Anm.), die Fischer besetzt habe. Kann sie, wenn sie in ihrer Rollenarbeit ansteht, bei ihren Eltern um Rat fragen? „Kann ich, mach ich aber nicht! Ich möchte das alleine schaffen. Das ist mir wichtig!“

Doch eigentlich sind die Proben ja bereits abgeschlossen. Die TV-Premiere wird nämlich keine Live-Übertragung, sondern wurde bereits vor rund drei Wochen in aller Ruhe fürs Fernsehen aufgezeichnet. „Es waren, glaube ich, sieben Kameras, aber kein Publikum. So haben wir nicht einfach eine Vorstellung durchgespielt, sondern konnten jede Szene auch mehrfach wiederholen, wenn wir wollten. Das waren sehr gute Bedingungen.“ Seither hat Paula Nocker wieder mehr Zeit für ihre Volksschullehrerinnen-Ausbildung. Das Publikum vermisst sie jedoch stark. „Ich wünsche es mir so sehr, dass es vor dem Sommer noch klappt mit Vorstellungen. Nicht nur wir, auch die Zuschauer sehnen sich danach. Klar ist: Kultur wird gebraucht!“

Vorläufig hat Paula Nocker nur einen Stückvertrag. Und solange es geht, möchte sie ihre beiden Türen offenhalten. „Ich freue mich über diese Chance und will nicht zu viel planen.“ Blickt man auf das vergangene Jahr zurück, kann man nur sagen: Gute Entscheidung!

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik), Regie: Torsten Fischer, Bühnenbild und Kostüme: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos, Musikalische Leitung: Christian Frank. Mit Herbert Föttinger - Peachum, Maria Bill - Frau Peachum, Swintha Gersthofer - Polly Peachum, Claudius von Stolzmann - Macheath, Dominic Oley - Brown, Paula Nocker - Lucy Brown, Susa Meyer - Spelunkenjenny, Marcello De Nardo - Hochwürden Kimball, sowie Tamim Fattal, Ljubiša Lupo Grujčić, Oliver Huether, Markus Kofler, Paul Matić, Alexander Strömer und Anton Widauer. Kammerspiele der Josefstadt. Live-Premiere derzeit ohne Termin, TV-Premiere am Sonntag, 25. April, um 21.45 Uhr auf ORF III)


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