Gereifte Superheldin meets frustrierte Muminmama

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Das Festival „NextComic“ von 30. April bis 8. Mai firmiert heuer unter dem Titel „next familiy“. Im Fokus stehen Familien- und Rollenbilder. „Das Fantastische am Comic ist, dass er alles sein kann“, sagt „Comic-Forscherin“ Barbara Margarethe Eggert von der Linzer Kunstuni im Gespräch mit der APA. So lassen sich tradierte Rollenbilder spielerisch aufbrechen - ob das die Adoption eines außerirdischen Familienmitglieds ist oder die aufbegehrende Muminmama.

Festivalzentrum ist auch heuer wieder das OÖ Kulturquartier in Linz, zudem gibt es weitere Locations in Linz und Steyr. Mehr als 70 Künstler zeigen in 22 Schauen ihre Werke. Highlights im OÖ Kulturquartier sind etwa die „MOFF.“-Ausstellung von Gerhard Haderer und Lukas Jüligers Graphic Novel „Unfollow“ über den Klimawandel. Im Stifterhaus wird Leopold Maurers Comic-Version von William Shakespeares „The Tempest“ präsentiert, und im Röda in Steyr stellt der Illustrator Stay Gold Grafix aus.

Comic-Expertin Eggert - sie lehrt am Institut für Kunst und Bildung der Linzer Kunstuni und ist als „Eggy“ selbst als Comic-Autorin aktiv - und ihre Studierenden haben gemeinsam mit der New Yorker Fordham University und in Kooperation mit NextComic gesellschaftliche Stereotype unter die Lupe genommen. Herausgekommen sind u.a. die Ausstellung „Jetzt auch als Familienpackung: Von der Rolle ...“ im Uni-Ausstellungsraum splace sowie eine Publikation.

Comics würden einerseits die Zeit widerspiegeln, in der sie entstanden sind, andererseits aber auch genau diese Klischees oft mit einem Augenzwinkern bedenken, sagt Eggert. Als Beispiel nennt sie die aus den 1950er-Jahren stammenden Mumins von Tove Jansson: „Die Mutter trägt eine Schürze und Handtasche und kocht, der Vater ist mit Zylinder unterwegs und sehr unternehmungslustig.“ Das Idealbild der damaligen Zeit werde aber aufgebrochen, wenn die Mutter in einer Folge etwa „einfach abhaut und die Schürze an den Nagel hängt“. Dadurch werde die Geschichte „revolutionärer als wenn man von Anfang an eine ungewöhnliche Verteilung von Rechten und Pflichten vorgenommen hätte“.

„Einen unheimlichen Befreiungsschlag gab es in den 1960er-Jahren durch die Underground-Comics“, etwa die „Comix“ von Robert Crumb und seiner Frau Aline Kominsky-Crumb, erklärt Eggert. Das Paar spielte ein Vorreiterrolle, „was man alles in dem Medium darstellen kann und wie sehr man dort das Private zeigen kann“, andere Zeichner seien dann „daran gegangen ihr Leben ebenfalls ungeschönt zu schildern“. Seit in den 1970er-Jahren vermehrt autobiografische Comics auf den Markt kamen, werden „neben der Kernfamilie Vater-Mutter-Kind-vielleicht-ein-Hund auch Patchwork- oder heutzutage auch Transfamilien betrachtet“, typisch seien im Comic zudem ungewöhnliche Familienkonstellationen - etwa mit „Wesen, die ganz anderen Spezies angehören“.

Comic ist längst mehr als das wöchentliche „Schundheftl“ aus der Trafik: „Die Comic-Landschaft hat sich extrem breit aufgefächert und ausdifferenziert“, beschreibt es Eggert, so gebe es mittlerweile auch Graphic Novels, „die nicht mehr dem Rhythmus eines periodisch erscheinenden Hefts unterworfen sind, sondern auch eine auf 500 Seiten angelegte epische Erzählung“ sein könnten. Das habe sich einerseits dadurch ergeben, dass sich Verlage mit diesem Schwerpunkt entwickelt hätten, zum anderen könne man nun auch online leichter Förderungen lukrieren und ein breiteres Publikum erreichen.

Superhelden haben im Comic-Universum aber nach wie vor Saison, auch wenn sich der Umgang mit ihnen verändert hat. So verweist Eggert auf die Serie „Austrian Super Heroes“, in der Captain Austria, das Donauweibchen oder der Bürokrat an österreichischen Locations aufräumen - im Gegensatz zu den klassischen Superhelden, die meist an fiktiven Orten wirken. „Das Genre hat immer noch Relevanz, wenn man damit spielt, so wie Captain Marvel heute selbstverständlich eine Frau ist“.

Ihre Studentin Klara Huber etwa hat in der Ausstellung eine „Homestory“ der mittlerweile gereiften Superheldin Carola Danvers („Ms. Marwel“) geschaffen. „Es wird auch nicht davor zurückgescheut eine Vergewaltigung anzusprechen. Das findet im Original-Comic sehr beiläufig und eigentlich auf verharmlosende Art statt“. Hubers Heldin hat aber nach dem Vorfall ihre Kündigung eingereicht und ihr unpraktisches, sich an unrealistischen Frauenkörpern orientierendes Kostüm an den Nagel gehängt.

Anna Radlmair hat den Hof, auf dem sie lebt, nachgebaut und bespielt ihn mit Comic-Charakteren und Figuren nach dem Vorbild von Ausschneidepuppen, denen man verschiedene Outfits anlegen kann. Gezeigt wird ein Querschnitt durch die Jahrhunderte und die Definition des Familienoberhaupts in diesen Epochen,

„Es ist wichtig das Medium nicht einzuschränken“, findet Eggert, Comics dürfen auch heikle Themen aufgreifen. Als Beispiel nennt sie „Insekten“ von Leopold Maurer und Regina Hofer. Die beiden haben Erinnerungen von Maurers Großvater an die Waffen-SS festgehalten - zu sehen beim NextComic-Festival.

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