Opernstar Christa Ludwig mit 93 Jahren gestorben

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Christa Ludwig war kein sentimentaler Mensch. „Sängerin möchte ich nie wieder sein!“, hatte die gebürtige Berlinerin und große Mezzosopranistin in ihren neuen Lebenserinnerungen „Leicht muss man sein“ proklamiert, die sie aus Anlass ihres 90. Geburtstages veröffentlichte. 1994 hatte Ludwig als Klytämnestra mit ihrem 769. Auftritt in der Wiener Staatsoper ihren Bühnenabschied genommen. Nun ist einer der großen Opernstars des 20. Jahrhunderts im Alter von 93 Jahren verstorben.

Und auch wenn sie nicht sentimental zurückblickte, so bedauert Ludwig, die als eine der großen Stimmen ihres Fachs im 20. Jahrhundert galt, ihre große Karriere auch nie. Sie erkannte durchaus die Vorteile des Lebens im Scheinwerferlicht, das sich auch nach ihrer eigenen Karriere noch zwischen der Tätigkeit als Lehrerin und ihrem Haus in Klosterneuburg abspielte.

Ludwig habe sich, „zum großen Unterschied von sehr vielen, nur einmal verabschiedet“, würdigte einst auch Direktor Ioan Holender in einer Staatsopernfestschrift zum 80. Geburtstag die klare Linie der „wahrhaftig gottbegnadeten Künstlerin“. Die war nicht zuletzt durch und an der Wiener Staatsoper zur Größe erblüht.

Dabei dürfte das Talent der am 16. März 1928 in Berlin geborenen Ludwig nicht nur von Gott, sondern auch von den Genen hergerührt haben, war sie doch Tochter des Sängerpaares Anton Ludwig und Eugenie Besalla. Sie wuchs in Aachen und Hanau auf und versuchte sich unter der Obhut der Mutter schon bald an Koloraturarien. Als Achtjährige bewältigte Ludwig bereits die große Arie von Mozarts Königin der Nacht. In Aachen besuchte sie neben der Schule auch das Konservatorium, wo sie Unterricht in Klavier, Cello, Flöte und Musiktheorie erhielt. Gesang studierte sie jedoch ausschließlich bei ihrer Mutter.

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1946 debütierte Ludwig schließlich als Prinz Orlofsky in der „Fledermaus“ an den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main, wo sie bis 1952 als Altistin Mitglied des Ensembles war. Auch in den folgenden Jahren wurde sie noch bevorzugt als Altistin eingesetzt, bis sie ihre eigentliche Stimmlage im Mezzosopran fand. Dennoch unternahm sie immer wieder Ausflüge sowohl ins Alt- als auch ins Sopranfach und bewahrte sich dabei ihre Liebe zur Koloratur. So sang sie zum Beispiel Partien wie die der Rosina in „Der Barbier von Sevilla“ oder der Angelina in „La Cenerentola“ von Gioacchino Rossini.

Nach weiteren Engagements in Darmstadt (1952 bis 1954) und Hannover holte sie Karl Böhm 1955 schließlich an die Wiener Staatsoper, wo sie insgesamt 43 Partien singen sollte. Seit ihrem ersten Auftritt bei den Salzburger Festspielen 1955 war sie dort ebenso Stammgast wie in Bayreuth und bei vielen anderen bedeutenden Musikfestspielen und Opernhäusern. Und dennoch: Zwar war Christa Ludwig auch in der Deutschen Oper Berlin, der Grand Opera in Paris oder der Metropolitan Opera in New York zu Hause und absolvierte große Tourneen, ihre künstlerische Heimat blieb jedoch Wien.

Ludwigs Repertoire umfasste die wichtigsten Alt- und Mezzosopranpartien von Mozart bis Bela Bartok, aber auch zahlreiche dramatische Sopranpartien. Zu ihren Glanzrollen zählen etwa die Marschallin im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss, die Kundry in Richard Wagners „Parsifal“ und die Leonore in Ludwig van Beethovens „Fidelio“ oder Giuseppe Verdis Lady Macbeth. Daneben erwies sich Ludwig zunehmend als glänzende Liedinterpretin, insbesondere der romantischen und spätromantischen Werke von Schumann, Brahms und Mahler und war später auch als Lehrerin Inspiration für Generation nachfolgender Sängerinnen und Sänger.

Und dabei nahm sich die Künstlerin, die seit Ende 1971 in zweiter Ehe mit dem 2011 verstorbenen französischen Regisseur und Schauspieler Paul-Emile Deiber verheiratet war, nie ein Blatt vor den Mund, wie sich das für einen Kommandeur der französischen Ehrenlegion gehörte, ein Titel den sie seit 2010 trug - neben anderen Auszeichnungen wie der Ehrenmitgliedschaft an der Wiener Staatsoper (1981), dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1994), dem deutschen Bundesverdienstkreuz (2004) oder der Ehrennadel mit Rubin der Salzburger Festspiele (2013).

So bezog Ludwig vor wenigen Jahren noch in einem „WAZ“-Interview klar Stellung zur in der Klassikwelt angekommenen #MeToo-Debatte: „Die hässlichen Frauen sagen: ‚Och, bitte, me too!‘ Das alles ist so ein Quatsch.“ Sie selbst nutzte ihre Reize in ihrer Karriere durchaus, wie sie in ihrer Autobiografie „Leicht muss man sein. Erinnerungen an die Zukunft“ (aufgezeichnet von Erna Cuesta und dem kürzlich verstorbenen Franz Zoglauer) klarstellte: „Ja, damals konnte man die Männer noch bezirzen. Zuerst haben sie gesehen und dann erst gehört. Später saßen dann beim Vorsingen auch Frauen. Das hatte ich gar nicht gern.“ Nun ist diese markante Stimme der Opernwelt für immer verstummt.

Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) sprach in einer Aussendung der Familie Ludwigs ihr Beileid aus und würdigte die Verstorbene als „außergewöhnliche Künstlerin, die unvergessliche Spuren auch im österreichischen Kulturgeschehen hinterlassen hat“: „Christa Ludwig war eine außergewöhnliche und vielschichtige Künstlerin, die es über Jahrzehnte hinweg verstanden hat, ihr Publikum zu fesseln und zu begeistern. Seit frühester Kindheit bis ins hohe Alter war die Oper ihr Lebensinhalt und -elixier. Christa Ludwig schöpfte stets aus dem Vollen. Ihre charismatische Präsenz und gewinnende Natürlichkeit auf der Bühne und ihr sorgfältiges und doch phantasiereiches Theater machten Christa Ludwig zu einer der größten Opernsängerinnen unserer Zeit.“

Der ORF ändert in memoriam Christa Ludwig sein Programm. Die Sendung“Kulturmontag“ bringt morgen, Montag (26. April, 22.30 Uhr, ORF 2) einen ausführlichen Nachruf auf die Opernlegende. Anschließend wird das 2018 zu ihrem 90. Geburtstag entstandene Porträt „Mit leichtem Herz und leichten Händen“ gezeigt. ORF III sendet in der Nacht auf Montag um 0.20 Uhr eine Folge des ORF-III-Talkformats „KulturWerk“ aus dem Jahr 2013, in dem Christa Ludwig bei Barbara Rett zum Interview zu Gast war. Rett blickt zudem als Studiogast von Peter Fässlacher in einer „Kultur Heute“-Spezialausgabe (26. April, 19.45 Uhr, ORF III) auf die Karriere der Mezzosopranistin zurück. Weiters ist im Rahmen der Sendung ein „ORF III Künstlergespräch“ zu sehen, das Fässlacher im Jahr 2015 mit Christa Ludwig in Grafenegg geführt hat.

Für die Wiener Staatsoper war es „die besondere Einheit aus einer einzigartigen Stimme und einer klugen, dramaturgisch versierten und mit Emphase gelebten darstellerischen Durchdringung aller Partien“, die Christa Ludwig auszeichnete. Sie sei für das Haus am Ring „nicht nur Künstlerin, langjähriges Ensemblemitglied, Ehrenmitglied und Ikone, sondern ein Ausnahmefall eines künstlerischen Mitlebens und Miterlebens“ gewesen, „eine, die das Haus, die Musikwelt und alle, die mit ihr in Berührung kamen, inspirierte und nachhaltig prägte“. Staatsopern-Direktor Bogdan Roscic erinnerte an eine „bis zuletzt reflektierte, ehrliche und humorvolle Gesprächspartnerin“, deren Analysen von bestechender Klarheit und großer Kenntnis getragen worden seien. „Sie bezeichnete sich gerne einfach als ‚Theaterkind‘, und diese künstlerische Unmittelbarkeit, dieses Selbstverständnis - sie waren in jedem ihrer Auftritte zu spüren und machten, neben ihrer großen Musikalität und dieser unvergesslichen Stimme, die Ausnahmeerscheinung Christa Ludwig aus“, so Roscic.

Die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) erklärte zum Tod von Christa Ludwig, auch Trägerin der Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt in Gold sowie des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien: „Wien darf sich glücklich schätzen, seit 1955 die künstlerische Heimat der großen Christa Ludwig gewesen zu sein. Christa Ludwig hat mit ihren Auftritten an der Wiener Staatsoper das Musiktheaterleben Wiens über Jahrzehnte hinweg bedeutend mitgeprägt. Sie stand mit ihrem ganzen Wesen für die tiefe Menschlichkeit von Musik, wodurch deren existenzielle Notwendigkeit für alle, die sie hören durften, spürbar wurde.“

„In Oper, Oratorium und Lied setzte Christa Ludwig mit ihrem Gesang und ihrer Persönlichkeit vergleichslose Maßstäbe. Die Salzburger Festspiele haben ihr unendlich zu danken“, trauerte Intendant Markus Hinterhäuser um die Sängerin, die „beeindruckende 169 Mal - 126 Opernvorstellungen, 21 Liederabende, 18 Orchesterkonzerte und eine Matinee - auf der Festspielbühne stand“. „Die Salzburger Festspiele verdanken Christa Ludwig unvergessliche Sternstunden. Sie gehörte zu jenen Künstlern, die den Festspielen ihren herausragenden internationalen Ruf gegeben haben“, erklärte Helga Rabl-Stadler, Präsidentin der Salzburger Festspiele, die „als winziges Zeichen für die große Trauer und die Dankbarkeit die uns erfüllt“, die schwarze Fahne am Festspielhaus aufgezogen haben.


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