„Dreigroschenoper“ im Kleinformat: Kammerspiele-Brecht im TV

  • Artikel
  • Diskussion

Das sollen die Kammerspiele der Josefstadt sein? So reagierte der Fernsehzuschauer gestern Abend unweigerlich, als auf ORF III die Aufzeichnung der „Dreigroschenoper“-Produktion begann, die das Publikum pandemiebedingt bisher noch nie live vor Ort zu Gesicht bekam. Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos haben mit einer Reihe schräger Laufstege, von denen einer das Portal durchstößt, die Bühne förmlich gesprengt und dazwischen auch noch ein Mini-Orchester platziert.

Schon beim Umbau der kleinen Spielstätte der Josefstadt vor ein paar Jahren träumte Direktor Herbert Föttinger davon, hier einmal auch das berühmte, doch große Werk von Bert Brecht und Kurt Weill zeigen zu können. Das Prinzip „Aus klein mach groß“ funktionierte bei der Bühne zumindest aus der nahen Kameraperspektive erstaunlich gut. Die „Dreigroschenoper“ selbst wirkte jedoch ein wenig downgesized - was nicht nur an der Orchesterfassung lag (Musikalische Leitung: Christian Frank), zu der die Brecht-Erben offenbar nur aus Corona-Kulanzgründen ihre Einwilligung gaben. In der revueartigen Inszenierung von Torsten Fischer, die im Fernsehen viele Close-Ups der Darsteller zeigte (wobei die Frage des „In-die-Kamera-Spielens“ nicht immer geklärt schien), war das Thema „Groß und klein“ jedenfalls präsenter als „Arm und reich“.

Schon die Eröffnungsszene zeigt alle in Frack und Zylinder. Schließlich gilt es, eine Hochzeit zu feiern, und die Truppe des Obergauners Mackie Messer lässt sich nicht lumpen, was Möblierung, Kostümierung und Catering der in einer aufgebrochenen Lagerhalle stattfindenden Feierlichkeiten anbelangt. Claudius von Stolzmann gibt mit weiß geschminktem Gesicht und Joker-Anlehnungen einen gefährlich unberechenbar wirkenden Macheath, sein Rollen-Vorgänger an der Josefstadt, Direktor Herbert Föttinger legt seinen Bettlerkönig Peachum deutlich bürgerlicher an und scheint sich überhaupt gut an seine damalige Gestaltung des Mackie zu erinnern. Er und Maria Bill als seine Gattin geben ein entzückendes Paar ab, das sich auch gut im Kammerspiel-Publikum finden könnte (sobald dann wieder eines erlaubt ist), im Schlepptau ihre etwas missratene, schmollende Tochter Polly (Swintha Gersthofer), die ihr Abenteuer als Gangster-Gattin nicht auskosten darf.

Manche Rollen-Akzente überraschen: Susa Meyer ist als Spelunkenjenny weniger abgebrühte Hure als nach gesellschaftlichem Aufstieg schielendes Revuegirl, Dominic Oley tut sich als Polizeichef Tiger Brown am meisten selber leid, Paula Nocker muss als seine Tochter Lucy ein schwangeres Schulmädchen mit Riesen-Brille geben. Das die vielen Songs mit Anstand über die Rampe bringende Ensemble treibt den zweieinhalbstündigen Abend in dieser Phase stark in Richtung lustig. Dann jedoch kommt ein Finale, das eine Ahnung davon gibt, wie böse die „Dreigroschenoper“ eigentlich ist. Seine Jungs, sein Freund und seine Frauen - alle lassen sie Mackie hängen. Ganz buchstäblich. Und die Queen (die Handlung spielt sich in den Tagen des Krönungszugs der Königin ab), die von Maria Bill im zartrosa Kostüm ganz glänzend verkörpert wird, winkt dazu.

Doch den rettenden reitenden Boten lässt auch Torsten Fischer nicht aus. Dafür deutet er ein Überschwappen der Bettler und Verbrecher ins Publikum an. Im Fernsehen war das natürlich ein ins Leere gehender Schlusseffekt. Mal sehen, wie er live im Theater wirken wird. „Ja, mach nur einen Plan / Sei nur ein großes Licht! / Und mach dann noch ‚nen zweiten Plan / Gehn tun sie beide nicht“, sang zuvor Föttinger als Peachum. Mit einem ostentativen ironischen Lächeln.

)


Kommentieren


Schlagworte