Designexpertin Lilli Hollein übernimmt Leitung des MAK

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Lilli Hollein wird Generaldirektorin und wissenschaftliche Geschäftsführerin des MAK - Museum für Angewandte Kunst Wien. Das gab Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) am Montag bekannt. Die 48-jährige Designexpertin, Direktorin und Mitbegründerin der Vienna Design Week, war als Favoritin für die Nachfolge von Christoph Thun-Hohensteins genannt worden. Der Vertrag mit Teresa Mitterlehner-Marchesani als Wirtschaftliche Geschäftsführerin wird verlängert.

Thun-Hohensteins zweite Amtsperiode läuft Ende August aus. Es sei keine Entscheidung gegen Thun-Hohenstein, sondern eine für die Zukunft des MAK, sagte Mayer bei der Pressekonferenz. 16 Personen, darunter 10 Männer, hätten sich für den Posten beworben, fünf seien zu Hearings eingeladen worden. Die Empfehlung der Findungskommission sei bei Hollein ebenso einstimmig und einhellig gewesen wie bei Mitterlehner-Marchesani, für deren Posten 17 Bewerbungen (darunter 10 Männer) vorlagen.

Hollein kündigte an, das Haus am Stubenring nach der überwundenen Coronakrise einem breiteren Publikum schmackhaft machen zu wollen. Dass der Ferstl-Bau im November seinen 150. Geburtstag feiert, sei eine gute Gelegenheit, „um Türen und Fenster aufzureißen“.

Ein weiterer Schwerpunkt soll auf der Vermittlung und „innovativen Formaten“ liegen. „Junge Menschen für textile Spitzen zu interessieren, ist keine einfache Aufgabe“, räumte die designierte Hausherrin ein. Wenn es sich dabei aber um Arbeiten etwa von Bertha Pappenheim, der ersten Patientin Sigmund Freuds und einer wichtigen Proponentin in der Frauenbewegung, handle, entstehe ein neuer Zugang: „Es geht um Narrative, Einordnungen, die neue Perspektiven schaffen.“

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Inhaltlich will Hollein den „westlichen Blickwinkel verlassen“ und kündigte an, sich den kolonialen Aspekten sowie einem „feministischen Blick auf die Sammlung“ widmen zu wollen. Außerdem werden unter ihrer Direktion popkulturelle Themen Platz finden. Der Digitalisierung will sich Hollein ebenfalls verstärkt widmen - und zwar sowohl bezüglich der Präsentation der Sammlung als auch als Kunstform. Das Thema Nachhaltigkeit, auf das Noch-MAK-Chef Thun-Hohenstein stark gesetzt hat, soll weiter verfolgt werden. Ob auch die „Vienna Biennale“ bestehen bleibt, ließ Hollein gegenüber der APA offen.

Lilli Hollein „verfügt über die nötige Kompetenz, viel Erfahrung, Lebensfreude und hohe soziale Kompetenz“, sagte die Staatssekretärin, sie stehe für Designkompetenz und Teamfähigkeit, sei bestens vernetzt und genieße das Vertrauen der Kunstszene. Das MAK verfüge über einen Teil des Nachlasses von Lilli Holleins Vater, den Architekten Hans Hollein (1934-2014). Lilli Hollein habe angekündigt, künftig alle Entscheidungen darüber dem Kuratorium des Museums überlassen zu wollen, von dessen Vorsitz sie im Februar zurückgetreten war. „Ich bin der Meinung, es darf für hoch qualifizierte Töchter berühmter Väter keine beruflichen Nachteile geben“, sagte Mayer.

Die künftige Geschäftsführerin selbst sagte - in der Pressekonferenz darauf angesprochen -, dass der Nachlass ihres Vaters im Architekturzentrum Wien bewahrt werde und das MAK selbst mit der Bearbeitung desselben nichts zu tun habe. Offen ließ sie, ob eine ursprünglich für 2022 geplante große Hans-Hollein-Ausstellung im MAK unter ihrer Direktion nun tatsächlich stattfinden wird. Sie werde sich anschauen, wie weit die Planungen dafür bereits gediehen seien, aber „in diesem Umfang“ werde die Schau wohl nicht realisiert. Im Umgang mit dem Nachlass ihres Vaters am MAK werde sie jedenfalls „persönlich keine Rolle spielen“, versicherte sie.

Hollein sagte, sie übernehme von Thun-Hohenstein - der bereits Kontakt zu ihr aufgenommen habe, wie sie heute erfreut betonte - ein „gut geführtes Haus, das die vergangenen schwierigen Monate gut gemeistert hat und dem ich schon lange verbunden bin“ - unter anderem in Form von Kooperationen mit der Vienna Design Week. Deren Leitung gibt die frisch gekürte MAK-Chefin an ihren bisherigen Stellvertreter Gabriel Roland ab, wie sie heute sagte. Ihren Sitz im Kuratorium des mumok habe sie bereits zurückgelegt, betonte sie auf APA-Nachfrage.

Mitterlehner-Marchesani, die als Wirtschaftliche Geschäftsführerin verlängert wird, sprach von großen Herausforderungen infolge der Pandemie. Sie blicke aber mit Zuversicht in die Zukunft, „da wir in den letzten fünf Jahren gut gewirtschaftet haben und Reserven aufbauen konnten“. Auch Hilfszahlungen des Bundes hätten geholfen. Zwar wisse niemand, wann wieder mit einer Art von Normalität zu rechnen sei, aber die Museen würden sich bestimmt wieder füllen, sobald den Menschen Bewegungsfreiheit zurückgegeben werde, zeigte sich die MAK-Finanzchefin überzeugt.

Vorschusslorbeeren für Lilli Hollein kamen aus der Politik. Die Designexpertin bringe „viele neue Ideen und Konzepte ins Museum“, gratulierte die Grüne Kultursprecherin Eva Blimlinger via Aussendung. SPÖ-Kultursprecherin Gabriele Heinisch-Hosek freute sich ebenfalls über die Bestellung, bringe Hollein doch „langjährige Managementerfahrung und den notwendigen innovativen Zugang“ mit.

Die neue Museumschefin, die an der Universität für Angewandte Kunst Wien Industriedesign studiert hat, hat auch einen hoch qualifizierten Bruder: Max Hollein ist Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York.


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