Wiener Festwochen müssen heuer ohne Publikum eröffnen

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Aus den Wiener Festwochen werden heuer, im 70. Jubiläumsjahr, Festmonate: Nachdem coronabedingt der ursprünglich geplante Zeitraum von 14. Mai bis 20. Juni nicht zu halten war, findet das Festival nun in zwei Etappen im Früh- und Spätsommer - also von 3. Juni bis Mitte Juli und von 24. August bis Mitte September - statt. Gut 30 Projekte stehen am Spielplan. Die traditionelle Eröffnung am Rathausplatz, die schon am 14. Mai stattfindet, muss allerdings ohne Publikum auskommen.

„Es ist nicht das Festival, das uns vorschwebte und an dem wir seit 2020 intensiv gearbeitet haben“, sagte Festwochen-Intendant Christophe Slagmuylder am Donnerstag bei der Programmpräsentation. Die „laufende Ungewissheit“ infolge der Pandemie habe das Team und die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler an ihre Grenzen gebracht. Und es sei nicht ausgeschlossen, dass auch in den nächsten Wochen weitere Anpassungen notwendig sein werden.

34 Produktionen, davon zwölf Weltpremieren, kündigte Slagmuylder an - eine gewohnte Mischung aus den Sparten Theater, Tanz, Musik und Performance. Als Voraussetzung für einen Besuch der Veranstaltung müssen die Gäste entweder getestet, geimpft oder eine Coronavirus-Infektion bereits überstanden haben, sagte Geschäftsführer Wolfgang Wais. Die Tickets, deren Verkauf für die Frühsommer-Tranche am 14. Mai startet, werden personalisiert sein. Alle Ticketinhaber werden sich in einer eigenen Teststraße im Hof des Museumsquartiers - in dessen Halle E und G finden viele Aufführungen statt - testen lassen können.

Was steht nun inhaltlich am Programm? Als „Kern“ in der „Vielfalt der Stimmen und Visionen dieser Festivalausgabe“ nannte der Intendant drei neue Arbeiten, mit denen arrivierte Kunstschaffende erste Schritte in der Opern- und Musiktheaterregie wagen und damit Wiener Musikrepertoire neu interpretieren.

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Das sind Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“, das die kapverdische Choreografin Marlene Monteiro Freitas gemeinsam mit dem Klangforum Wien auf die Bühne bringt, sowie - ebenfalls eine Auftragsarbeit der Festwochen - Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, dem sich der französische Regisseur Philippe Quesne annimmt. Wie volatil die Situation dank Corona auch für die Festwochen war und ist, zeigt die notwendig gewordene Absage des dritten von Slagmuylder genannten Werks: Milo Raus Inszenierung von Mozarts „La Clemenza di Tito“ muss auf voraussichtlich 2023 verschoben werden. Man habe gehofft, das Stück in Wien nach einer Livestream-Premiere im Februar in Genf erstmals vor Publikum aufführen zu können: „Aber es ist nicht möglich.“

Ohne Besucher muss diesmal auch das Eröffnungsevent am 14. Mai stattfinden, das allerdings auf ORF 2 und 3sat übertragen wird. Neben einem Konzert zum 70. Geburtstag der Festwochen, an dem u.a. Die Strottern, Mira Lu Kovacs und das Herbert Pixner Projekt mitwirken, inszeniert Florentina Holzinger, „das Enfant Terrible der Wiener Tanzszene“ (Slagmuylder), mit musikalischer Unterstützung von Soap&Skin einen „Festzug“ am Rathausplatz als „spektakuläre Parade aus disziplinierten selbstoptimierten Körpern und lärmenden Maschinen“.

Abgesehen von der Live-Installation „HERE“ von Maria Hassabi in der Secession und der Schau „And if I devoted my life to one of its feathers?“, wofür Miguel A. López Werke von 35 in Europa selten zu sehenden Künstlern kuratiert hat, in der Kunsthalle Wien - sie startet ebenfalls schon Mitte Mai - geht es mit den Bühnenproduktionen dann in der ersten Juni-Woche los. In der Frühsommer-Tranche finden sich als große Theaterproduktionen etwa Rene Polleschs neues Stück „Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer“, eine Art theatraler Tanzfilm, „Catarina e a beleza de matar fascistas“ (Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten) von Tiago Rodrigues oder die neue Produktion von The Wooster Group, die in „The Mother“ ein Stück von Bertolt Brecht adaptiert und den Weg der Hauptfigur von einer Analphabetin zur resoluten Revoluzzerin beschreibt.

Daneben will man junge aufstrebende Theatermacherinnen und -machern eine Bühne bieten - etwa Azade Shahmiri aus Teheran, die mit „Quasi“ an der neuen Festwochen-Location brut nordwest am Nordwestbahnhof ihr Stück über das Gefühl von Unterdrückung junger Menschen im Alltagsleben herausbringen wird.

In Sachen Crossover-Projekte aus Musik und Text verbindet etwa Encyclopedie de la parole in „Suite no4“ Redeausschnitte in vielen Sprachen mit musikalischen Partituren. Multidisziplinär geht es auch in Markus Schinwalds „Danse Macabre“: Die Neuinterpretation des Totentanzes mit einer großen Gruppe Musiker und Performer wird stimmigerweise am Gelände der ehemaligen Sargfabrik - im F23 - aufgeführt.

„Es gibt vieles, worauf man sich freuen kann“, resümierte Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ). Sie bat dabei - mit Blick auf die nach wie vor angespannte Situation auf den Intensivstationen - auch um Verständnis für das vorsichtige Vorgehen in Sachen Kulturöffnungen. Aber immerhin sei in der Bundeshauptstadt diesbezüglich bald mehr möglich als etwa in Deutschland.

Was die Festwochen-Finanzen anbelangt, sprach Geschäftsführer Wais am Donnerstag von einem Gesamtbudget von 11,8 Mio. Euro. 1,1 Mio. Euro davon sollen aus Kartenerlösen kommen. Man müsse auf Sicht fahren: „Wir haben einmal mit 50 Prozent kalkuliert“, wies er auf die Corona-Vorgaben hin. Diese machen auch strenge Präventionskonzepte für die Mitwirkenden notwendig. So arbeite man mit einem mobilen Testteam eines Labors zusammen, das alle zwei Tage an allen Spielstätten Virus-Checks durchführen wird.

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