Akteure uneins in Sachen Gletscherschwund und Skitourismus

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Das Klima wandelt sich und Österreichs Gletscher sind auch in der Periode 2019/20 weiter geschrumpft - das belegt der vom Österreichischen Alpenverein kürzlich präsentierte Gletscherbericht. „Es ist ein fortschreitender, gar unaufhaltsamer Prozess“, meinte dazu Georg Kaser, Ex-Dekan der Fakultät für Geo- und Atmosphärenwissenschaften, nun im Ruhestand, im APA-Gespräch. „Es kommt oft anders als man denkt“, meinte hingegen Jakob Falkner, Geschäftsführer der Bergbahnen Sölden.

Den Skisport der Zukunft sah Falkner gegenüber der APA durchaus positiv, alle Branchen würden sich verändern. Kritik an Seilbahnwirtschaft und Tourismus in Sachen Umweltschutz und Klimawandel bezeichnete er als „Stellvertreterkrieg“. Vielmehr müssten dahingehend die Hausaufgaben bei großen Themen wie Verkehr und Wohnen gemacht werden, mahnte Falkner ein. „Die Seilbahnen sind nicht das Problem“, so der Geschäftsführer, der sich an „herausposaunten Weltuntergangsszenarien“ stieß. Jahrzehntelange globale CO2-Emissionen habe kleinen Gletschern, wie jenen in den Ostalpen, bereits „den Todesstoß versetzt“, meinte indes Kaser. „Ein Großteil der Gletscher in den Alpen wird bereits beim derzeitigen Klima verschwinden“. Die Forderung des Alpenvereins nach einer rechtlichen Neudefinition des Schutzes hochalpiner Flächen sah Gletscherforscher Kaser differenziert: „Die Gletscher rechtlich zu schützen – das geht nicht mehr“.

„Gletscherschutz bedeutet: Schutz ohne Wenn und Aber“, hatte Alpenvereins-Vizepräsidentin Ingrid Hayek im Zuge der Präsentation des Gletscherberichts Anfang April gefordert. Jetzt habe man einen „Gletscherschutz, von dem Skigebiete ausgenommen sind“. Nachdem 1991 der absolute Schutz der Gletscher, der Gletschervorfelder und der Moränen in Tirol gesetzlich verankert und damit jede skitechnische Erschließung von Gletschern und ihren Einzugsgebieten verboten worden war, wurde der umfassende Schutzstatus 2004 wieder aufgehoben. „Wir wirtschaften nachhaltig und haben die nächste Generation im Blick“, meinte hingegen Falkner, „wir denken langfristig und nicht in Quartalen“: „Seilbahnen sind heute sehr umweltfreundlich“. Früher seien Bahnen noch mit Dieselaggregaten betrieben worden, erinnerte der Seilbahner.

„Zur Erhaltung der Gletscher wird viel getan“, betonte auch Seilbahn-Chef und Nationalratsabgeordneter Franz Hörl (ÖVP) im APA-Gespräch, man sei „ständig bemüht Abdeckungen moderner zu gestalten und grundsätzlich die Gletschersubstanz zu erhalten“. Dass die Seilbahnunternehmer nach hohen Investitionen „verantwortungsvoll und nachhaltig“ mit den Ressourcen und der Natur umgehen würden, sei eine logische Konsequenz – es gehe um eine „nachhaltige Erhaltung des Wohlstandes“, er glaube nicht, dass Entscheidungen oft kurzfristig profitorientiert getroffen werden. Es gebe zudem einen Konsens, dass es in den nächsten Jahren zu keinen Neuerschließungen kommen werde, informierte Hörl, sinnvolle Zusammenschlüsse sah er davon ausgenommen. „Ergänzungen werden auch nach der Pandemie möglich sein müssen“, meinte Hörl, auch Obmann des Tiroler ÖVP-Wirtschaftsbundes. Derzeit sei das aber ohnehin „nach der verlorenen Saison“ kein Thema. Jetzt hätten Seilbahner und Touristiker eher die Sorge, dass „die Betriebe wieder ins Laufen kommen“.

Wie Hayek fand Kaser indes, dass technische Veränderungen nicht mit Naturschutz vereinbar seien. Aus glaziologischer Sicht sind Skigebietserweiterungen laut dem Klima- und Gletscherforscher „egal“. „Das müssen sich die sogenannten Stakeholder selber ausschnapsen“. Für den Rückgang der Gletscher zeichnet Kaser Touristiker und Skigebiete nur insofern als verantwortlich, als dass sie über Jahrzehnte zum Anstieg der globalen Treibhausgaskonzentrationen beigetragen haben und es teilweise auch heute noch tun. Der Gletscherrückgang, auch der heimische, ist eine verzögerte Reaktion auf die globale Klimaerwärmung. Die Zukunft der betroffenen Skigebiete sah Kaser nicht pessimistisch: „Die hohe Lage wird ihnen noch lange bessere Bedingungen bieten als niedrig gelegenen Anlagen, nur halt ohne Gletscher“. Momentan scheint sich der Erhalt von begrenzten Eisflächen durch Abdecken und Beschneien betriebstechnisch und wirtschaftlich auszuzahlen. Zur Sinnhaftigkeit mittel- bis langfristiger Planungen kann die Gletscher- und Klimaforschung allerdings sehr wohl beitragen und sagen, ob und circa wann Gelände freigelegt werde, das sich zum Skifahren gut eignet oder etwa Felsstufen ausapern und immense Folgekosten zum Erhalt der betroffenen Skiabfahrt entstehen.

Fest stehe laut Kaser: „Heute noch CO2 zu emittieren, ist nicht mehr zulässig“, alles was neu gebaut werde, müsse „eigentlich zu 100 Prozent klimaneutral sein“, und zwar sowohl im Bau als auch später im Betrieb. „Dass man CO2 in dem Ausmaß aus der Atmosphäre herausnehmen kann, um das Klima um 50 Jahre zurück zu drehen und damit wieder gletscherfreundlich zu machen, ist eine Illusion“, sagte Kaser.

Falkner, Präsident des Tourismus-Think-Tanks „Future Mountain“ und Aufsichtsratsvorsitzender des Ötztal Tourismus, sah sich jedenfalls im Dienste der Kunden: „Das Angebot ist entscheidend“. Er sei Kaufmann und kein Geologe oder Klimaforscher, es störe ihn, dass in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit oft „der Mainstream unrecherchiert nachgeplappert wird“: „Bad News sind Good News“. Dass die Gletscher schmelzen, sei aber ein Fakt, erklärte Falkner.

Dass beim Klimaschutz so wenig weitergeht liegt laut Gletscherforscher Kaser „in der Natur des Menschen an sich“. Menschen würden „vermeintliche Vorteile nicht einfach aufgeben wollen“ und hätten „Angst vor Veränderungen“. Es sei ein „Hamsterrad des Wohlstands“ – im Endeffekt habe sich das Klima schon so verändert, dass dadurch bereits heute Teile der globalen Gesellschaft ihre Lebensgrundlagen verlieren und noch viel mehr verlieren werden, etwa durch den steigenden Meeresspiegel. Große Hoffnungen setzte der Professor in die junge Generation: „Am Ende geht es um eine Transformation der Gesellschaft“.


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