„weiter leben“: Stationentheater wurde zur Videoinstallation

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Was für ein Aufwand für die Theatermacherinnen! Was für ein Luxus für die Theaterbesucher! Ursprünglich als Stationentheater geplant, ist die Dramatisierung von Ruth Klügers bekanntem Buch „weiter leben“ durch das Wiener Theaterkollektiv makemake produktionen nun als durch und durch Lockdown-kompatible Videoinstallation an vier Orten erlebbar und ergehbar. Für jeweils einen Zuschauer pro Ort. Macht bei drei Slots zwölf Zuschauer pro Tag. Heute Nachmittag wurde gestartet.

Dabei prägen nicht nur vier interessante Locations sondern auch eine gefinkelte Verdoppelung die zweistündige Wanderung in die Geschichte und durch die Praterstraße und die Große Mohrengasse in Wien-Leopoldstadt. Was an den unterschiedlichen Schauplätzen gespielt worden wäre, begegnet einem nun als Video am „Originalschauplatz“, mit sich selbst im Bühnenbild. Die Frage von Erleben und Erzählen, Nähe und Distanz zum Geschehen, um die der 1992 erschienene autobiografische Bericht kreist, wird hier dramaturgisch nochmals gespiegelt - auf einem Terrain, auf dem einem auf Schritt und Tritt Stolpersteine daran erinnern, dass genau hier viele Leidenswege begannen, die wie Ruth Klüger (1931-2020) nach Theresienstadt und Birkenau führten.

Sara Ostertag und Kathrin Herm zeichnen für die sparsame Regie verantwortlich, mit der Alireza Daryanavard, Martin Hemmer, Anne Wiederhold und die beeindruckende 13-jährige Emma Wiederhold Passagen des Buches wieder zum Leben erwecken. Es ist ein langsamer Prozess, der im leeren Hamakom Theater vor der mit Plastikplanen abgedeckten Zuschauertribüne ziemlich spröde beginnt, aber stark an Intensität gewinnt. Schon die zweite Station überrascht, das „Milieu Kino“ am Anfang der Praterstraße. Sollte man das immer übersehen haben? Hat man nicht, denn das ist ein geparkter großer LKW, den Max Kaufmann erst vor kurzem in ein fahrbares 15-Plätze-Kino umgebaut hat. Als Kurzfilm-Wanderkino möchte er voraussichtlich ab Herbst damit durch die Lande tingeln, einen Vorgeschmack darauf gibt es schon hier, und die Verarbeitung von Klügers Kinobesuch von „Schneewittchen und die 7 Zwerge“, der 1940 eigentlich Juden verboten war, fällt ebenso klug wie charmant aus. Später habe sie sich immer wieder in Kinovorstellungen geschlichen, erfährt man. Propagandafilme habe sie gesehen: „Man muss doch wissen, woran man ist!“

Der Zuschauer wandert weiter (so er am Nestroyplatz startet) Richtung Odeon und landet vorerst in einem riesigen Keller, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Hinter einer breiten verriegelten Türe verbirgt sich laut Aufschrift ein Luftschutzraum, davor ist die nächste Video-Station aufgebaut. Die Reise in die Finsternis beginnt, und Ruth Klügers Fassungslosigkeit, von ihrer Mutter wie ihr Eigentum behandelt zu werden, vermittelt sich eindrücklich: Ihre Tochter mit einem der letzten Kindertransporte nach Palästina zu schicken, lehnt die Mutter zum Schrecken der Tochter ab, später im KZ fragt sie das Kind, ob sie gemeinsam im elektrischen Zaun den Tod suchen sollten. Dabei habe sie nie das Leben so sehr geliebt wie in jenen Tagen, schreibt Klüger. Der Rundgang endet im morbiden Charme verströmenden, fast leergeräumten Lokal „Spitzer“ und damit im zweiten Leben Klügers in New York. Nun dominiert die lange, quälende Frage, wie man mit dem Erlebten, das allen anderen unfassbar erscheinen muss, umgehen kann. Was das für eine eintätowierte Nummer auf ihrem Arm sei, wird Klüger in einer Bar von einem Gast gefragt. „It‘s my boyfriends number“, gibt sie zur Antwort.

Die ersten Termine von „weiter leben“ waren innerhalb kurzer Zeit ausverkauft, nun gibt es neue Termine bis zum 20. Mai. Man sollte sie ebenso wenig ungenutzt verstreichen lassen wie eine live gestreamte Erinnerungsveranstaltung am Donnerstag um 18 Uhr: Eva Geber, Herbert Ohrlinger, Doron Rabinovici, Renata Schmidtkunz, Daniela Strigl und Sabine Kock kommen im Hamakom zusammen, „um Ruth Klüger aus ihrer jeweilig besonderen Perspektive und Haltung zur Autorin zu erinnern“.

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