Zahlreiche Rufe nach Pflegereform und Angehörigen-Entlastung

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Am Vortag des Internationalen Tags der Pflegenden haben Hilfsorganisationen wie auch Politik eine rasche Umsetzung der angekündigten Reform im Pflegebereich eingefordert. Hilfswerk und Volkshilfe drängten am Dienstag auch auf eine Job- und Ausbildungsoffensive in diesem Bereich, ebenso die SPÖ, die ein „5-Punkte-Paket“ vorlegte. Ebenso gefordert wurde die Entlastung pflegender Angehöriger, etwa von der Volkshilfe, vom ÖVP-Seniorenbund und vom SPÖ-Pensionistenverband.

Es brauche die Pflegereform, und zwar genau jetzt, erklärte Hilfswerk-Präsident Othmar Karas (ÖVP) auf einer Pressekonferenz mit dem Institut für Höhere Studien (IHS). „Wir müssen uns die Pflegereform leisten: zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit, aber auch als Motor des Aufbaus“, sagte er. IHS-Expertin Monika Riedel rechnete vor, dass jedem Euro Investition in die Pflege ein Vielfaches an Wertschöpfung gegenüberstehe: „Wir können davon ausgehen, dass ein Euro Investition in die Pflege 1,7 Euro an volkswirtschaftlicher Wertschöpfung sowie 0,7 Euro an Steuern und Sozialversicherung einbringt.“

Die IHS-Expertin verwies auch auf den von der Gesundheit Österreich (GÖG) prognostizierten personellen Mehrbedarf von rund 90.000 Kräften bis ins Jahr 2030 und die Bedeutung des Sektors Pflege für den Arbeitsmarkt. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner verwies auf die rund 900.000 Menschen ohne Job oder in Kurzarbeit Anfang Mai - und präsentierte in einer Aussendung ein 5-Punkte-Paket für eine „Arbeitsmarktwende mit Pflegeoffensive“. Der Pflegebereich müsse für Berufs-Ein- und Umsteiger attraktiver werden, forderte Rendi-Wagner.

Das SPÖ-Paket beinhaltet einen „Corona-Tausender“ u.a. für alle Pflegekräfte im stationären wie im mobilen Bereich, mehr Ausbildungsplätze und Pflegekräfte, eine kostenlose Pflegeausbildung und einen „Umstiegsbonus“ mit Rechtsanspruch auf Existenzsicherung während der Ausbildung. Auch schlägt die SPÖ-Vorsitzende vor, Pflegekräften Zugang zur Schwerarbeitspension ab 60 Jahre zu geben. Denn Pflege sei „Schwerstarbeit - körperlich und psychisch“.

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Um aktuellen und künftigen Personal-Engpässen zu begegnen, seien Ausbildungs- und Umschulungsmaßnahmen notwendig, so der Tenor von SPÖ, Hilfsorganisationen und Seniorenvertretern. Hilfswerk-Geschäftsführerin Elisabeth Anselm forderte hier einen „Masterplan“: Gesundheits- und Sozialberufe müssten „selbstverständlicher Teil des Regelschulwesens“ werden. Auch dürfe man die Auseinandersetzung mit der Lehre als Zugang zum Berufsfeld „nicht länger auf die lange Bank schieben“. Zur Umschulung bedürfe es einer guten Erstinformation und Beratung, aber auch einer Übernahme der Ausbildungskosten und adäquate Unterstützung des Lebensunterhalts während dieser.

Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger drängte auf die Bereitstellung der entsprechenden Mittel: „Wenn wir nicht wollen, dass die SystemerhalterInnen nur beklatscht werden, dann muss jetzt der Finanzminister (Gernot Blümel/ÖVP, Anm.) aus Volkshilfe-Sicht die notwendigen budgetären Mittel für die Länder bereitstellten.“ Auch die SPÖ-Pensionisten sehen die Regierung am Zug: „Gesundheitsminister (Wolfgang, Anm.) Mückstein ist nun gefordert, das Tempo der Pflegereform seinen Sportschuhen anzupassen“, sagte PVÖ-Präsident Peter Kostelka. Beim Personal müsse primär das Potenzial im eigenen Land genützt werden: „Einfach zu sagen: ‚In Zukunft fliegen wir eben Pflegekräfte von den Philippinen ein‘ - das ist keine nachhaltige Lösung! Das hat uns die Corona-Pandemie mehr als deutlich gezeigt!“.

Auch ÖVP-Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec drängte auf eine „Personaloffensive und Attraktivierung“ des Pflegeberufs. Sie verwies vor allem - wie auch die Volkshilfe - auf die starke Belastung der pflegenden Angehörigen. Zu deren Entlastung bedürfe es etwa einer Schaffung von mehr Kurzzeit-Pflegeplätzen, einer professionelle Betreuung und Begleitung pflegender Angehörige, so Korosec.

Für pflegende Angehörige sei es entscheidend, „dass wir Dienste für sie aufbauen, die in Österreich nicht flächendeckend vorhanden sind“, sagte Fenninger. Er präsentierte am Dienstag eine von der Volkshilfe durchgeführte Umfrage, wonach für 61 Prozent der pflegenden Angehörigen von Demenzerkrankten die Pflege durch Corona aufwendiger geworden ist; auch hätten viele von einem „Gefühl einer Dauersorge, dass das nicht aufhört“ berichtet. Grund war u.a. der Wegfall von Unterstützung im Familien- und Freundeskreis, aber auch der Corona-bedingte Ausfall von mobilen Pflegedienstleistungen.

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