Eindringlicher Roman: Silvia Pistotnigs „Teresa hört auf“

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Dieses Buch ist nichts für sensible Gemüter und empfindliche Mägen. Was sich hinter Silvia Pistotnigs Romantitel „Teresa hört auf“ verbirgt, ist ein radikales Aussteigen aus allen sozialen Zusammenhängen und Erwartungen. Da kann es den Lesern leicht ergehen wie den Eltern der jungen Frau, die fassungs- und ratlos zusehen müssen, wie sie ihre Tochter zusehends verlieren und auch psychiatrische Hilfe nicht möglich ist. Ohne Selbst- oder Fremdgefährdung gibt‘s keine Einweisung.

Vor vier Jahren hat die in Wien lebende Kärntnerin Silvia Pistotnig mit einem Roman rund um die in einem Sonnenstudio jobbende Schulabbrecherin Julia, genannt „Tschulie“, Erfolg gehabt. Gegen Teresa ist Tschulie jedoch ein Vaserl. Die künstlerisch hochbegabte Ex-Wirtschaftsstudentin arbeitet zwar in einem Teil des Buches in einer Agentur für Maturareisen, kündigt jedoch ihren Posten, in dem sie anerkannt und erfolgreich, doch genervt war, um sich ganz ihrem nächsten „Projekt“ zu widmen.

Diese Projekte könnte man zwar als soziale Skulpturen oder Performances interpretieren, und die hyperrealistischen, detailgenauen Zeichnungen von Körperteilen, die Teresa von sich anfertigt, um ihr zerrissenes Ich allmählich wieder zusammenzufügen, zählen zu den interessantesten Ideen des Buches, doch in vielen Rückblenden wird immer klarer, dass ihre akribisch geplanten und konsequent verwirklichten Projekte mehr mit der Emanzipation von ihren konservativen Eltern (ein Gynäkologe und eine Psychotherapeutin) und psychischen Störungen als mit Kunst zu tun haben.

Die Erfahrungen während eines Freiwilligen-Jahres in Ghana haben wohl an der Veränderung von der altruistischen, weltoffenen zur abweisenden, verschlossenen Persönlichkeit einen Anteil, doch ganz erklärbar ist das alles nicht - auch nicht in Therapie-Sitzungen. Diese schildert Pistotnig geradezu genüsslich, denn die Sitzungen absolviert nicht Teresa, sondern ihre Mutter, die dabei ihr eigens Scheitern als Therapeutin aufarbeitet.

Teresa, die sich mitunter auch Betty oder Yvonne nennt, hat ihr Ich-Bewusstsein verloren und setzt sich immer extremeren Prüfungen aus, um den Kern ihrer Persönlichkeit zu finden. Was passiert mit ihr und ihrer Umgebung, wenn sie sich monatelang nicht mehr wäscht? Nicht mehr schläft? Nur noch ungesundes Zeug, das dafür in Massen, zu sich nimmt? Bei ihrem Fressorgien-Projekt lernt sie Nicole kennen, die zu ihrer engsten Bezugsperson wird. Während Teresa alles Gegessene wieder erbricht, behält Nicole es bei sich. Der Unterschied ist im zweistelligen Kilobereich zu messen. Richtig gespenstisch wird es, als Teresa erfährt, dass Nicole einen erwachsenen Sohn hat und diesen zu ihrem nächsten Projekt auserwählt: Um Nicole nahe zu sein, möchte sie sie zur Oma machen. Sie verführt den Sohn, wird schwanger - und macht der Freundin das Kind zum „Geschenk“. Da hört sich dann alles auf. Nur nicht das Buch. Denn das hat noch einen Epilog, der es ebenfalls in sich hat.

„Teresa hört auf“ ist ein eindringlicher Roman und eine beklemmende Fallstudie. Glücklich wird man mit dem Buch nicht. Aber das ist ja wohl auch nicht die Aufgabe von Literatur.

(S E R V I C E - Silvia Pistotnig: „Teresa hört auf“, Milena Verlag, 264 Seiten, 23 Euro)


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