Neustart im Akademietheater: „Fräulein Julie“ im Badezimmer

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Bei der Wiedereröffnung ging es erst einmal ins Badezimmer. Keine Hygiene-Vorsichtsmaßnahme, sondern das Konzept von Regisseurin Mateja Koležnik und Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt für ihre Deutung von August Strindbergs „Fräulein Julie“ im Akademietheater. Das berühmte Kammerspiel um die unstandesgemäße Beziehung zwischen der Grafentochter Julie und dem Diener Jean findet zur Gänze zwischen Badewanne, Klosett und Waschbecken statt.

Die Einhaltung der neuen Corona-Regeln beim Einlass verlief problemlos, der erste Premieren-Applaus nach dem langen Lockdown erfolgte bloß 70 Minuten später und fiel demonstrativ lange, wenngleich nicht enthusiastisch aus. Denn das Stück war kaum wiederzuerkennen gewesen. Und mancher mag sich die Frage gestellt haben, was man durch die radikale Kürzung und Bearbeitung gewonnen hat.

Gespielt wird in einem auf Stelzen gestellten, nach vorne aquariumartig mit einer Glasscheibe versehenen Bühnen-Kubus, aus dem die Stimmen der Schauspieler mit Mikroports übertragen werden - ein von der slowenischen Regisseurin immer wieder verwendetes Stilmittel zum Brechen des Bühnen-Naturalismus. Vom erstaunlich großen Badezimmer der Dienstbotenwohnung geht eine Türe mit Milchglasscheiben nach hinten, zu Eingang und Ess-Ecke. Koležnik hat Spaß daran, wesentliche Teile von Dialog und Handlung, darunter den Beischlaf zwischen Jean und Julie, im halb Verborgenen spielen zu lassen. Das „Danach“, in Julies Fall die Intimwäsche und das Aufschneiden der Pulsadern, wird dafür umso ausführlicher auf der Bühne zelebriert.

Maresi Riegner legt ihre Julie als Nervenbündel und Nervensäge an - ein verwöhntes Gör, das aus Lust an Macht und Möglichkeit sich in den Kopf gesetzt hat, den Diener zu verführen, und danach alle Symptome einer schweren psychischen Erkrankung aufweist. Mit wippendem Becken und ständig wiederholten Phrasen gibt sie mehr das Bild einer Anstalts-Patientin als einer Hotel-Direktorin am Comer See ab, zu der sie Jean angeblich machen möchte. Itay Tiran lässt sich als von den Werbungen seiner Herrin geschmeichelter Diener nicht allzu ungern verführen, bleibt den Konsequenzen gegenüber jedoch fast genauso ratlos wie Julie. Dass er wirklich an eine gemeinsame Flucht denkt, ist schwer zu glauben.

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Seine Verlobte Kristin bekommt durch Sarah Victoria Frick entschieden am meisten Erdung. Sie wird, vor der Milchglasscheibe und in der Badewanne hinter dem Duschvorhang sitzend, Ohren- und Augenzeugin der Untreue ihres Partners und bekommt von der Regie viele stumme Szenen, die schon fast an Kroetz‘ „Wunschkonzert“ denken lassen. Bringt sich dort jedoch die Protagonistin am Ende um, ist Kristin hier zum Schluss die Einzige, die weiß, was zu tun ist. Zuerst zum Beichten in die Kirche, dann auf zur Jobsuche. Denn „willst Du für Leute arbeiten, die sich so benehmen? Man erniedrigt sich selber.“ Das Badezimmer wird freilich vorher noch sauber gemacht. Der Duschvorhang müsste allerdings dringend ausgetauscht werden.

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